Dieses Jahr war die Weihnachtszeit für mich ausgefüllt mit einem intensiven Rückblick auf meine Jugend. Viele Erinnerungen kamen hoch, die längst im Nebel der Vergangenheit versunken schienen. Zeitungslektüre und aktuelle Nachrichten traten dabei in den Hintergrund – was mir angesichts der heutigen Nachrichtenlage durchaus gut tat.
So hatte ich Zeit und Raum, an die Menschen zu denken, die mich geprägt haben, die mir wichtig waren oder mir auch in schwierigen Situationen zur Seite standen – und die nicht mehr leben.
Ich denke an meine Großeltern, an meine Eltern und an meine Schwiegereltern. An meinen Bruder Ralf, der heute 67 Jahre alt wäre und doch nur 14 werden durfte. Geri und Frauke, Angelikas Onkel und Tante, ziehen in meinen Gedanken vorbei. Ihre Art zu leben ist uns bis heute Vorbild für unsere eigene Lebensreise. Auch denke ich an meine Cousins, insbesondere an Richard, der dieses Jahr im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Besonders berührend der Satz in der Traueranzeige: „Guten Flug in die Ewigkeit". Er hat mir das Fliegen beigebracht. Mein Lieblingscousin Ha-Jo bleibt mir unvergessen. Seine Frau Rita und ihre Kinder sind inzwischen so ziemlich die einzigen Verwandten aus meinem Familienzweig. Onkel Hermann darf ebenfalls nicht vergessen werden. Ich schaue heute noch gerne dank einer Webcam auf den Sognefjord in Norwegen hinunter, wo wir 2005 gemeinsam saßen. Er war Banker und brachte mir bei, wie man mit dem Gehaltskonto immer im Plus bleibt. Mit seiner Frau, den Kindern und sogar mit den Enkelkindern haben wir guten Kontakt.
Ich denke an meine verstorbenen Freunde: an meinen alten Schulfreund Bernd, der als Arzt meine Mutter bis zu ihrem letzten Tag begleitet hat und mit dem ich wenigstens alle vierzehn Tage eine Stunde telefonierte. Oder an meinen Freund Klaus hier in Hildesheim, ohne dessen Hilfe ich einen schwierigen Lebensabschnitt kaum gemeistert hätte. Hella Gutschke kommt mir in den Sinn. Wir haben mit ihr und ihrem Mann viele Tagesfahrten durch Deutschland gemacht.
Viele Kolleginnen und Kollegen leben ebenfalls nicht mehr, und besonders denke ich an Angelika Lüer. Sie war eine meiner Ausbilderinnen im Referendariat und wurde eine gute Freundin meiner Angelika. Sie starb bereits 1990 im Alter von nur 40 Jahren. Und erst in diesem Jahr ist unsere langjährige Freundin Renate verstorben. Angelika und Renate studierten zusammen, waren beide an der gleichen Schule als Junglehrerinnen und bekamen kurz hintereinander ihr erstes Kind. Mit ihrem schon lange verstorbenen Mann erkundeten wir dessen bayerische Heimat und auf seinen Wanderwegen zwischen Bayrisch Zell und Salzburg ziehen wir heute noch entlang. Ebenfalls dabei unsere Kinder und deren Familien. Schön, dass der Kontakt mit der Tochter Kessie aufrechterhalten bleibt.
Und natürlich sehe ich viele Hönnersumerinnen und Hönnersumer vor meinem geistigen Auge. Stellvertretend nenne ich Bernie Deister, Tobby Kubina, Rainer Bollin und Bäckermeister Deister.
All diese Menschen – und viele mehr – sind mir in den vergangenen vier Wochen besonders intensiv begegnet. Und deshalb gibt es auch heute den Song „I’ll See You in My Dreams“ von Bruce Springsteen, der gut zu diesen Gedanken passt. Er singt von den Büchern und der Gitarre seines verstorbenen Freundes, den er in seinen Träumen sieht. Ich selbst besitze den Schusterschemel meines Opas, den Bauernschrank meiner Eltern, ein Stück der Berliner Mauer, die wir so oft passierten, und den Steuerknüppel des Segelflugzeugs, den mein Vater zuletzt in den Händen hielt …
Genug der Reminiszenzen. Jetzt freue ich mich auf das abendliche Festessen, das mein lieber Schwiegersohn Axel seit Tagen mit seinen Söhnen vorbereitet. Ich wünsche allen, die meinen Adventskalender verfolgt haben – auch im Namen von Angelika – ein frohes Fest, gute Gedanken und gutes Essen. Und Momente der Ruhe, in denen – trotz aller verstörenden Nachrichten aus der Welt – Platz ist für Dankbarkeit und Zuversicht.
Euer
Burkhard Kallmeyer
Und hier geht es zum Song: „I’ll See You in My Dreams“.
Und noch ein Nachwort in eigener Sache:
Sehr gefreut habe ich mich über die vielen schriftlichen und mündlichen Rückmeldungen zu meinem Adventskalender. Sie waren für mich wie ein Weihnachtsgeschenk. Etliche nahmen den Kalender zum Anlass, über die eigene Jugendzeit nachzudenken, und immer wieder begegnete mir der Satz: „Schade, dass am 24. Dezember alles vorbei ist!“
Mal sehen – vielleicht lässt sich die Zeit vor Ostern ja zu einer kleinen österlichen Adventszeit umfunktionieren. Unsere Töchter drängen mich jedenfalls schon jetzt, noch mehr aufzuschreiben. Ob all das dann auch geeignet ist, hier mit euch geteilt zu werden, wird sich zeigen.
Mehrfach wurde übrigens angeregt, ich hätte diese Texte besser bei Facebook oder Instagram veröffentlichen sollen, um einen größeren Leserkreis zu erreichen. Meine Zielgruppe waren jedoch die Menschen, die ich kenne, die mich kennen und mit denen ich in Freundschaft, durch die Politik, durch den Beruf oder durch unsere schöne Dorfgemeinschaft verbunden bin.
Pfingsten 1971.
Mein erstes Semester in Göttingen war gerade einmal acht Wochen alt, und ich genoss die neu gewonnene Freiheit nach Schule und Ersatzdienst in vollen Zügen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen,
das lange Pfingstwochenende mit anderen Studenten – für Genderfreaks: -innen waren selbstverständlich auch dabei! – im Naturfreundehaus auf dem Hohen
Meißner in Hessen zu verbringen, um dort zu wandern.
Doch Pfingsten fiel auf Ende Mai, und ich war schlicht pleite. Meinen monatlichen Unterhalt musste ich mir ja immer noch persönlich und in bar aus Rinteln abholen. Ein Konto? Nicht vorhanden! Andere Studi-Eltern hatten meinem Vater dringend davon abgeraten. Die Begründung war ebenso simpel wie wirkungsvoll: „Dann seht ihr ihn wenigstens einmal im Monat!“
Also fuhr ich schweren Herzens am Pfingstsamstag nach Hause. Dort angekommen stellte sich heraus: Alle meine Freunde waren ausgeflogen. Also machte ich das, was ich in so einer Situation öfter machte – ich fuhr raus zum Flugplatz. Ich genoss einen längeren Flug bei bester Thermik, ließ den Blick von Hameln bis Minden schweifen und freute mich auf den Abend im Clubhaus.
Ein Fliegerkamerad aus Hameln hatte sich nämlich ein eigenes Flugzeug zugelegt und feierte das mit einer rauschenden Party: Bratwurst-Bude, Drei-Mann-Band und Freibier bis zum Abwinken. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Abend waren also mehr als erfüllt.
Unter den Gästen, die der Gastgeber aus Hameln mitgebracht hatte, saß ein hübsches junges Mädchen mit recht gelangweilter Miene. Einige meiner unverheirateten Segelfliegerkameraden hatten sie bereits erspäht und sie überlegten fieberhaft, wie man wohl Kontakt aufnehmen könnte. Junge Frauen waren in diesem Sport schließlich eine ausgesprochene Rarität.
Die Band spielte gerade „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Während wir Jungs an der Theke noch taktisch diskutierten, ob und wie man das junge Mädchen wohl zum Tanzen auffordern sollte, trank ich den letzten Schluck aus meinem Glas, schlenderte lässig zu ihrem Tisch – sie saß zwischen ihren Eltern – und forderte sie zum Tanz auf.
Wir tanzten etliche Runden. Danach kletterten wir gemeinsam auf den Tower. Ich hatte sie mit dem angeblich grandiosen Blick auf das nächtliche Rinteln gelockt – und der war tatsächlich nicht gelogen. Schon am Pfingstmontag hatten wir unser erstes Date. Der Rest ist Geschichte.
Mein amerikanischer Bruder Duane, der natürlich damals auch dabei war, brachte es Jahrzehnte später auf der Feier unserer Goldenen Hochzeit auf den Punkt: “I went for the Bratwurst and Burkhard went for the girl. The Bratwurst is long gone – the girl is still there!”
Fünfzig Jahre und mehr lassen sich schwerlich in einem einzigen Song unterbringen. Wer also heute, einen Tag vor Heiligabend, langsam zur Ruhe kommt, kann gern einmal in die drei Lieder hineinhören, die ich dafür ausgesucht habe.
Der erste Song zum Anklicken ist von Bruce Springsteen. Ich habe ihn unseren Gästen auf der Goldenen Hochzeit vorgespielt, weil er den Beginn meiner Beziehung zu Angelika wunderbar widerspiegelt: „Tougher Than the Rest“.
Zu Song Nummer zwei tanzten wir beide auf der Feier zu meinem 70. Geburtstag. Er ist von den Bee Gees und heißt: „To Love Somebody“.
Und das dritte Lied ist der größte Hit von Roy Orbison. Besonders gefällt mir die Interpretation von Bruce Springsteen gemeinsam mit John Fogerty, dem Frontmann von Creedence Clearwater Revival: „Pretty Woman“.
By the way: Das Flugplatzgelände haben meine Mutter und ich 2006 zum ersten Mal nach dem Flugzeugunglück wieder aufgesucht. Wir waren Ehrengäste bei der Taufes eines neuen Segelflugzeuges, das den Namen meines Vaters erhielt. In einer großen Fotoausstellung wurde meines Vaters und meines Bruders gedacht.
Viele Ereignisse der Vergangenheit verwischen mit der Zeit und lassen sich nur mühsam rekonstruieren. Selbst ein Treffen mit Freunden vor vierzehn Tagen kann man oft nur mithilfe von Eselsbrücken datieren: „Das muss ein Dienstag gewesen sein – ich hatte doch morgens vergessen, die Mülltonne rauszustellen.“
Und dann gibt es jene Ereignisse, bei denen man genau weiß, wo man war und was man gerade tat.
Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie wir am 13. August 1961 im Radio die Nachricht hörten, dass in Berlin in der Nacht mit dem Bau der Mauer begonnen worden war. Was das konkret bedeutete, war mir damals nicht wirklich klar. Doch die Reaktion meiner Mutter hat sich mir eingeprägt: „Na, da wird sich Wilfried aber ärgern, wenn er uns nicht mehr besuchen kann!“ Wilfried war ihr Bruder, der in Ostberlin lebte und zu dem sie kein besonders gutes Verhältnis hatte. Dass man eigens wegen meines Onkels eine Mauer baute, erschien mir allerdings selbst als zwölfjährigem Steppke doch eine Nummer zu groß.
Oder der 30. Juli 1966. Ich war siebzehn und arbeitete in den Sommerferien als Aushilfskraft auf der Autobahnraststätte Bad Eilsen, bis kurz vor meinem Abflug in die USA als Austauschschüler. Gerade stand ich mit dem Koch vor der Tür. Die Autobahn war wie leergefegt, dafür reihten sich endlose Autoschlangen auf der Standspur. In der Raststätte lief die Übertragung des WM-Endspiels England gegen Deutschland. Kurz vor Schluss stand es 2:1 für England, und wir hatten die Hoffnung auf den Ausgleich bereits aufgegeben. Plötzlich flogen die Autotüren auf, Menschen sprangen heraus, jubelten und umarmten sich. Wir stürzten zurück ins Lokal und sahen gerade noch die Wiederholung des Ausgleichstreffers durch Wolfgang Weber. Verlängerung!
Am 23. September 1972 fuhr ich meinen Opa nach Gadenstedt bei Peine. Er hatte schon lange gedrängt, endlich das neue Haus zu sehen, in das Hans-Joachim, der Sohn seines ältesten Sohnes Wilfried, mit seiner Familie eingezogen war. Als wir nach Rinteln zurückkamen, wunderten wir uns über die vielen hell erleuchteten Fenster unseres Hauses. „Was das wieder an Strom kostet“, schimpfte mein Opa noch im Auto. Kaum ausgestiegen, kamen uns zwei Segelfliegerkameraden aus dem Luftsportverein entgegen. Sie überbrachten uns die entsetzliche Nachricht, dass ein Motorflugzeug das Segelflugzeug gerammt hatte, in dem mein Vater und mein Bruder saßen – und dass beide das Unglück nicht überlebt hatten.
Die Erinnerung an den Rest dieses Tages – an die unbeschreibliche Trauer und Verzweiflung meiner Mutter, an die Tage danach und an die große Beerdigung, zu der Freunde aus ganz Europa angereist waren – bewahre ich seit langem in einem verschlossenen Tresor tief in meinem Inneren auf. Den Schlüssel zu diesem Tresor muss ich irgendwann verlegt haben und ich werde ihn auch heute nicht suchen.
Nur so viel: Ich war Freunden wie Bernd Pietzka und Friedrich Wallbaum unendlich dankbar dafür, dass sie sich um viele der praktischen Dinge kümmerten, die in diesen Tagen über mich hereinbrachen und mich zu überfordern drohten.
Meine Freundin Angelika war mit ihrem Geografie-Seminar der Universität Hannover auf einer Exkursion in Bratislava, der heutigen Hauptstadt der Slowakei. Auf verschlungenen Wegen fanden wir schließlich heraus, in welchem Hotel sie untergebracht war, und Bernd schickte dorthin ein Telegramm. Schon am nächsten Tag konnte ich sie in die Arme schließen: Sie hatte den Nachtzug nach Hannover genommen. Sie war mir die Stütze, ohne die ich die Zeit danach kaum überstanden hätte
Duane, der ja ein Jahr zuvor als Austauschschüler bei uns gelebt hatte und uns allen sehr ans Herz gewachsen war, war während seiner Semesterferien mit dem Fahrrad auf Europatour unterwegs und somit nicht erreichbar. Wochen später sahen Freunde meiner Eltern, die Paris besuchten, wie er sein Rad Richtung Arc de Triomphe schob. Sie überbrachten ihm die schlimme Nachricht. Am nächsten Mittag war er in Rinteln.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen – schöne Jahre. Und doch denke ich auch heute noch, mehr als fünfzig Jahre später, an jenen Septembertag 1972, wenn ich ein Segelflugzeug über mir kreisen sehe.
Erst drei oder vier Jahre nach dem Unglück brachte ein Lied von Peter Maffay annähernd die Gefühle zum Ausdruck, die mich in den Jahren danach begleiteten, wenn ich an meinen Vater und meinen Bruder dachte. Eine Zeile darin traf allerdings auf mich nicht zu: „… und ich muss meinen Weg alleine gehn.“
Ich musste ihn nicht allein gehen. Angelika und ich sind ihn zu zweit gegangen – und unsere Töchter, die Schwiegersöhne, die Enkel und viele Freunde begleiten uns. Und nicht zu vergessen meine Mutter, die 2017 mit über 95 Jahren verstarb.
In den Räumen der Internatsschule Jäger in Rinteln herrschte in den Sommerferien 1970 buntes Treiben. Ein ganzer Schwung junger Amerikaner – heute sagt man wohl Amerikaner, kurze Pause und dann folgt innen – wurde dort auf seinen Jahresaufenthalt in deutschen Familien vorbereitet. Am Ende des Crashkurses erfuhren sie ihren künftigen Aufenthaltsort und verteilten sich über ganz Deutschland.
Hämbörg, Munich, Cologne – das sagte ihnen etwas. Bielefeld, Helmstedt oder Wanne-Eickel hatten sie eher nicht so auf dem Schirm. „Der Mond von Wanne-Eickel“, der große Hit von Friedel Hensch und den Cyprys, hatte es ja leider nicht in die US-Charts geschafft, und „Achtung Bielefeld“ von den Ärzten erschien erst gut 50 Jahre später.
Der 17-jährige Duane (von unserem Opa liebevoll „Du-Äääähn“ genannt) Gelderloos bekam seine Order erst, als alle anderen schon im Reisebus saßen:
„And you turn left – walk down the street and the second house on the right is yours!“
Duane wurde schnell heimisch in unserer Familie. Er lernte selbstverständlich Segelfliegen, lernte die Verwandtschaft in Düsseldorf, Berlin und Zwickau kennen und hörte sich Opas Kriegserlebnisse
geduldig an. Etwa dieses:
„Na ja, Du-Äääähn, als wir mal eine Blockhütte der frisch eingerückten Amerikaner stürmten, die bis oben voll war mit schönster weißer Baumwollunterwäsche – da wusste ich: Wer mit achtzehn noch
so schöne Unterhosen hat, der kann den Krieg nicht verlieren! Wir hatten ja mit sechzehn das letzte Mal Wäschewechsel.“
Ach, wäre doch unser Opa Emanuel Chef der Obersten Heeresleitung gewesen – dann hätte der Erste Weltkrieg vermutlich schon Weihnachten 1914 geendet.
Bei einem Besuch in Berlin wurde es in Tante Elses Wohnzimmer sehr voll, und man musste auf der Küchenbank zusammenrücken. Duane sagte zur Dame des Hauses, die als Letzte noch einen Sitzplatz
suchte:
„Komm an meine grüne Seite, Tante Else!“
Da war mir klar: Wer so tief in die Feinheiten der deutschen Sprache eindringt, hat auch einiges von der deutschen Mentalität übernommen.
Nach dem Tod meines Vaters und meines Bruders unterbrach Duane sein Studium, wohnte und arbeitete ein Jahr in Rinteln und war meiner Mutter in dieser schweren Zeit eine große Stütze.
Und in all den Jahren danach kam er regelmäßig – allein oder mit seinen drei Söhnen – aus Washington D.C. herübergeflogen: Er war bei den Hochzeiten unserer Töchter dabei, Gast an meinem 70. Geburtstag, bei unserer Goldenen Hochzeit und machte auch in diesem Jahr auf einer Europareise mit seiner Lebensgefährtin Susan einen Zwischenstopp in Hildesheim. Wir verbrachten zu viert einen herrlichen Tag im Harz, den er so liebt. Duane ist längst mein zweiter Bruder geworden.
Sein ältester Sohn Carl ist übrigens ebenfalls ein ausgesprochener Deutschland-Fan. Mehr noch: Er ist Professor für deutsche Literatur in New York, mit Schwerpunkt Weimarer Republik. Die „Student Ratings“ im Internet lesen sich durchweg so, dass man spontan denkt: So einen Professor hätte ich auch gern gehabt.
Carl, knowing you’re reading my Adventskalender every day, I must say: I was pleased to read these comments from your
students. So drückt ein Deutscher Lob aus.
Wäre ich Amerikaner, würde ich es natürlich anders formulieren:
I’m thrilled to read this and couldn’t be prouder of you!
Duanes Erstwunsch für den heutigen Song kann ich leider nicht erfüllen. Reinhard Meys „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ stimmt einfach nicht – wie unsere Familie leidvoll erfahren musste.
Darum sein Zweitwunsch: „I Got Plenty o’ Nuttin’“ aus Porgy and Bess.
Auf Deutsch ungefähr: Ich habe reichlich von nichts.
Googles Erklärung zu dieser berühmten Arie von George Gershwin: Die Figur Porgy singt sie, um zu zeigen, dass er mit dem, was er hat – Sonne, Mond und seine Liebste – zufrieden ist und keinen
materiellen Reichtum braucht, um glücklich zu sein. Eine zutiefst positive Lebenseinstellung.
PS: Ich wünsche natürlich allen einen schönen 4. Advent - und Duane, du brauchst Susan heute beim Frühstück den Text nicht zu übersetzen. I have sent a translation via Susan's Email address.
Ich war fast zehn Jahre alt, als mein Bruder Ralf geboren wurde. Meine anfängliche Freude über den Zuwachs in unserer Familie wich bald einer gewissen Ernüchterung. Es machte nicht sonderlich viel Spaß wenn man auf der Straße oder an der Weser mit Freunden spielen wollte und man bekam den Kinderwagen mit. Da stand man dann oft abseits zusammen mit dem einen oder anderen, den ein ähnliches Schicksal ereilt hat. Gut, mit zwei oder drei anderen Jungs konnte man schon einmal ein Karrenrennen veranstalten. Die zweijährigen hielten sich dann krampfhaft fest an der Querstange der Karre und wussten nicht, wie ihnen geschah. Raus fallen konnten sie nicht, da sie angegurtet waren.
Auf Spielplätzen waren wir nie. Warum? Weil es damals keine gab. Rückblickend muss ich sagen, dass die Zeit damals ziemlich kinderfeindlich war. Bei Familienfeiern oder beim Kaffeeklatsch mit Freundinnen der Mutter, saß man artig mit am Kaffeetisch und nippte am Kakao. „Kinder haben zu schweigen, wenn sich Erwachsene unterhalten!“, hörte ich mehr als einmal. Nicht von meiner Mutter aber schon von der einen oder anderen „Nenn-Tante“. Waren andere Kinder dabei, durften wir spielen. Aber auch das machte nicht viel Spaß, denn der Sonntagsstaat, in den man uns steckte, durfte nicht schmutzig werden.Dafür schufen wir uns schon früh unsere eigenen Welten, zu denen die Erwachsenen keinen Zugang hatten. Ich muss mal meine 17jährigen Enkel Mattis und Simon fragen, wie das heute ist.
Später in der Pubertät, als man sich urplötzlich für Mädchen interessierte, war es ausgesprochen lästig, wenn der kleine Bruder durchs Schlüsselloch meines Zimmers spähte oder an der Tür lauschte.
Ich habe in trotzdem geliebt, dieses kleine drollige Kerlchen mit seinen roten Haaren, die er von der Mutter geerbt hatte. Noch heute wird mir das Herz schwer, wenn ich in der Stadt einen kleinen rothaarigen Jungen sehe.
Ich bin sehr froh, dass Angelika ihn und meinen Vater noch kennen gelernt hat. Sie flog mit meinen Vater durch die Lüfte und Ralf wurde von ihr sogar in ein Sommerlager für Kinder mitgenommen, das ihre Uni in Hannover organisiert hatte.
Opa, was sind eigentlich Helden?“, fragte ich als neunjähriger Steppke meinen Großvater, als ich am Rintelner Kriegerdenkmal den Spruch las „Unseren Helden die für Deutschland starben“ Und Opa antwortete in seinem breiten ost‑, nein, westpreußischen Dialekt: „Na, ich will mal so sagen: Wenn dein Vater oder ich Helden gewesen wären, dann stündest du nicht hier und könntest mir diese Frage stellen!“
Mein Opa war ein großer Erzähler. Ich kenne viel aus seiner einfachen Jugend in den kleinen Dörfern Dziedno und Monkowarsk, die heute inm tiefsten Polen liegen, denn Westpreußen kam ja schon nach dem 1. Weltkrieg zu Polen. Ich kenne seine Kriegserlebnisse, seine Flucht bei Nacht und Nebel aus Westpreußen nach Stargard in Pommern, seine zweite Flucht 1945 zu Fuß über Berlin nach Rinteln, wo Frau und Tochter bereits auf ihn warteten. Spannend waren auch seine Berichte aus der Inflationszeit, und die Nazizeit erlebte er als etwas zutiefst Bedrückendes. „Jetzt schaufelt sich der Anstreicher sein eigenes Grab!“, war sein Kommentar zu Hitlers Einmarsch in die Sowjetunion. Wollte ich sein erzählenswertes Leben hier ausbreiten, müsste ich die Adventszeit bis Ostern verlängern.
Hier nur so viel: Seine Schilderungen aus dem Ersten Weltkrieg, aber auch die Erzählungen meines Vaters, der zehn Jahre lang Luftwaffenpilot war und sich später nicht dazu überreden ließ, dem Schützenverein beizutreten – weil er nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen und nie wieder eine Uniform, egal welcher Art, tragen wollte –, führten dazu, dass ich noch vor dem Schulabschluss einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellte.
Bei der ersten Verhandlung im Sommer 1969 fiel ich durch, ohne es zu wissen. Die Vorladung erreichte mich nicht, weil ich mir bei einer Montagefirma in Berlin Geld für das geplante Studium verdiente. Ich legte zwar Widerspruch ein, doch das verhinderte nicht meine Einberufung zum Wehrdienst. Dienstantritt: 1. Oktober.
Zuvor hatten wir Jusos jedoch noch kräftig Wahlkampf gemacht. Mit meinem Freund Bernd steuerte ich vier Wochen lang den Wahlkampfbus durch den Landkreis. Am letzten Septembersonntag fand die Wahl statt, und der Jubel im Parteibüro war riesig, als weit nach Mitternacht feststand, dass SPD und FDP – Willy Brandt und Walter Scheel – gewonnen hatten.
Drei Tage später stand ich vor dem Kasernentor irgendwo in der Heide und begann meine Bundeswehrkarriere, die allerdings schon nach drei Tagen endete: Die zweite Verhandlung, angesetzt auf den 3. Oktober, bestand ich erfolgreich. Das verdankte ich vor allem dem Umstand, dass einer der drei Prüfer Vorsitzender der ostpreußischen Landsmannschaft war und mehr als die Hälfte der Zeit dafür draufging, ihm die Fluchterlebnisse meines Opas zu schildern. Gut, dass ich all die Jahre ein geduldiger Zuhörer gewesen war.
Die nächste Station war ein Heim für Kriegsopfer und Hirnverletzte in Hessisch Oldendorf, wo ich den Ersatzdienst absolvieren sollte. Der Begriff Zivildienst wurde erst einige Jahre später unter Willy Brandt eingeführt und die immer umstrittene Gewissensprüfung wurde 1984 vom Bundesverfassungsgericht gestoppt. Wir traten unseren Dienst zu dritt an, und der Verwalter begrüßte uns mit den herrischen Worten: „Steht gefälligst stramm, wenn ihr vor mir steht! Und morgen will ich euch mit einem anständigen Haarschnitt sehen!“ Einer von uns schlug daraufhin die Hacken zusammen und rief: „Jawoll, Sturmbannführer!“, während der andere locker fragte: „Du trauerst wohl immer noch Adolf nach, was?“ Die beiden hatten es wirklich drauf. So viel Dreistigkeit hätte ich mir nicht zugetraut.
Zum Friseur gingen wir nicht. Mir setzte man eine Kochmütze auf, band mir eine Schürze um und verfrachtete mich in die Küche des Sanatoriums. Der Chefkoch freute sich, endlich einen männlichen Mitarbeiter zu haben. Er brachte mir das Kochen von Grund auf bei, und nebenbei führten wir viele Gespräche über Gott und die Welt.
Nach sechzehn Monaten gab ich Mütze, Jacke und Schürze wieder ab, setzte mich in den Zug nach Hameln – dort wartete der bestellte weiße VW‑Käfer auf mich. Die Jungfernfahrt ging direkt nach Göttingen. Im Büro der Universität zeigte ich Personalausweis und Abiturzeugnis vor und wurde als Student eingeschrieben. So unkompliziert war das damals.
Studieren wollte ich Politik und Soziologie. Die Sekretärin jedoch meinte mit Blick auf mein Zeugnis: „Sie sind doch auch gut in Englisch. Dann nehmen wir doch lieber noch Anglistik dazu – und Sie können später zur Not immer noch Lehrer werden.“ Ich bin dieser Dame bis heute dankbar für diese ausführliche Berufsberatung.
Meine Lieblingsmusik währen der Ersatzdienstzeit war die Rockoper „Tommy“, in der die Geschichte des tauben, stummen und blinden Tommy als Flipper-King erzählt wird. Das Flippern war auch unsere Freizeitbeschäftigung, wenn wir drei abends in unserer Stammkneipe während des Ersatzdienstes herumhingen. Hier der bekannteste Song aus dem Doppelalbum – Pinball Wizard.
Dank der Kurzschuljahre, die ich von den USA aus mit Wohlwollen betrachtete und mir den Kampf um die Versetzung ersparten, ging es nun mit Riesenschritten auf das Abitur zu.
Wir lasen Pardon und Titanic, kauften uns die Frankfurter Rundschau, demonstrierten in Hannover gegen den Vietnamkrieg und störten NPD-Veranstaltungen in unserer Kleinstadt Rinteln.
In späteren Jahren verhinderten wir, dass das Gymnasium in Bad Nenndorf den Namen Agnes Miegel bekam, in dem wir in der Kreistagssitzung die Nazi-Gedichte der Ehrenbürgerin des Staatsbads verlasen und Rinteln bekam dank unserer Initiativen keine Kasernen. Eine Delegation, die sich nach Bonn aufmachte, bekam vom Staatssekretär im Verteidigungsministerium zu hören: „Herr Minister Schmidt lässt ausrichten, dass es genug Städte gibt, die sich darum reißen würden. Dann gehen wir eben dahin, wo wir mit offenen Armen empfangen werden.“
Geschichte, Politik, Wirtschaft – das lernten wir nicht in der Schule sondern auf den Wochenendseminaren der Jusos im Schneegrund, einem Naturfreundehaus im Wesergebirge. Referenten waren u.a. Herbert Schmalstieg, der langjährige Oberbürgermeister von Hannover oder auch Gerd Schröder, der spätere Bundeskanzler. Und wenn die englischen Young Socialists zu Besuch kamen, dann wackelte das kapitalistische Europa in seinen Grundfesten – zumindest bei den Diskussionen im Saal der Gaststätte unseres Stammlokals „Ludchen Beißner“. Ludchen war in den 1930er Jahren zusammen mit einem Onkel von mir Schiffskoch auf der Hamburg-Amerika Linie gewesen. Wenn ich in Begleitung von einigen Freunden bei ihm am Tresen Grüße von Onkel Richard – er führte am Hamburger Hafen das „Astra-Eck“ – ausrichtete, kam der Spruch: „Darauf müssen wir einen trinken!“ Alle vier bis sechs Wochen genossen wir mit diesen Trick eine Runde Freibier, manchmal auch mehrere.
Natürlich schockte uns der Einmarsch der Sowjets 1968 in Prag und selbst einer unserer Mitschüler, der ein glühender Anhänger des Sozialismus sowjetischer Prägung war, stammelte morgens vor Unterrichtsbeginn „Ein unverzeihlicher Fehler der UdSSR!“ Nachmittags beim Eis auf dem Marktplatz war er aber schon wieder im Einklang mit der Parteilinie: „Es handelte sich um eine notwendige Maßnahme, um die revanchistischen Kräfte zurückzuschlagen, die in der CSSR mithilfe von CIA und ihren BRD-Handlangern die Macht ergriffen hatten!“ Er bezog seine Ansichten eins zu Eins aus dem „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der SED, deren einziger Abonnent er in Rinteln war.
Unsere Klassenlehrerin, das junge Fräulein Dr. Krüger, war eigentlich eine Nette. Sie lud schon mal in ihr kleines Apartment ein und wir saßen auf dem Teppichboden, rauchten, tranken ein Glas Rotwein und diskutierten über Paul Satre, Camus oder Bert Brecht. Natürlich untermalt von französischen Chansons. Den Mädchen in unserer Klasse dürfte es gefallen haben.
Aber die alten Knochen dominierten. Der Lehrer, der meiner Mutter einst auf dem Elternsprechtag geraten hatte, den Sohn doch auch Maler werden zu lassen („Jeder bleibt in seiner Kaste.“), kommentierte noch in der Oberprima die Blödeleien zwischen mir und einer Klassenkameradin mit den Worten: „Vom Kallmeyer bin ich es nicht anders gewöhnt, aber Sie, Sie stammen doch schließlich aus gutem Hause!“
Das Abi selbst war eine reine Zitterpartie, denn Latein war meine Achillesferse. Die mündliche Prüfung schaffte ich dann aber so mit Ach und Krach dank eines zweiwöchigen Crash-Kurses in den Osterferien bei einer Lateinlehrerin, die mit meiner Mutter befreundet war. Als Dank tapezierte mein Vater ihr kostenlos das Wohnzimmer.
Beim Abiball schlich sich unser Kunstlehrer an mich heran, mit dem ich die ganzen Jahre im Dauerclinch gelegen hatte. Er knurrte: „Kallmeyer, wenn ich dich auch nicht leiden kann aber eine Eins musste ich dir trotzdem geben!“
Ich könnte eine Stunde Schoten von Lehrern erzählen und ihr denkt, dass ist das Regiebuch für die „Feuerzangenbowle 2.0“. Ebenfalls eine Stunde ginge drauf für die diktatorischen, ja manchmal sogar menschenverachtenden Verhaltensweisen von Lehrern und man könnte glauben, es war eine Zuchtanstalt. Und die dritte und vierte Stunde könnte ich füllen mit den Streichen, die uns Schülern einfielen und ihr würdet sagen: Was für eine Chaotenschule!
Mit anderen Worten: wir waren bestens für das weitere Leben vorbereitet. Endlich waren wir frei, die Welt stand uns offen. Das sollte sich leider als großer Irrtum für mich herausstellen.
Eines allerdings war mir völlig klar: Egal, was aus mir werden würde – Lehrer ganz sicher nicht. Ich wurde es dann doch und traf in Hildesheim auf eine Schule, die so ganz anders war. Dort blieb ich 35 Jahre und habe nicht einen Tag bereut.
Ein großer Hit war 1969 „In the Year 2525 von Zager and Evans. Der Text erscheint von heute aus gesehen wie ein Menetekel, das wir nicht ernst genommen haben. Ebenso wenig wie den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des Clubs of Rome aus dem Jahr 1972.
Eigentlich war mein Vater dagegen, dass ich für ein Jahr als Schüler in die USA ging. Ich hatte im Herbst 1965 seinen Firmen-Bulli in den Graben gesetzt und das war die angedrohte Strafe. Da ich aber bis auf 200 Mark die Reparaturkosten durch Ferien- und Wochenendjobs abgearbeitet hatte, stimmte er am Ende doch zu.
So bestieg ich im Sommer 1967 in Hamburg ein Flugzeug nach Detroit, wo mich meine Gastfamilie in Empfang nahm. Wer heute in die USA fliegt, bemerkt die Unterschiede zu Europa vielleicht nicht sofort – und wenn, dann eher die weniger schmeichelhaften. Damals hingegen war der Kulturschock monumental. Zuhause kannte ich den kleinen Laden an der Ecke, den Konditor mit drei Eissorten (Schoko, Vanille, Zitrone – im Sommer kam Erdbeer dazu). Dort erwarteten mich Supermärkte mit 25 Kassen, Ice‑Cream‑Parlors mit 55 Sorten und statt zweier Fernsehprogramme – das ZDF war 1965 frisch dazugekommen die von 17 bis 23 Uhr sendeten – gab es plötzlich 32 Programme rund um die Uhr. Selbstverständlich stand in jedem Raum des Hauses ein Fernseher.
Schon am ersten Abend ging es mit anderen Kids (ab 16 durfte man in Michigan Auto fahren!) in Dads riesigem Ford „downtown“. Im Autoradio lief auf WKNR der aktuelle Nummer‑eins‑Hit: „You Can’t Hurry Love“ von den Supremes. Im Burger‑Drive‑In aß ich den ersten Burger meines Lebens – viele sollten folgen. Pizza, Chop Suey, griechisches Essen lernte ich dort kennen; ich kam schließlich aus dem Land des Eisbeins mit Sauerkraut.
Die Schule war völlig anders, als ich es gewohnt war. Die Lehrer arbeiteten ausgesprochen schülerorientiert: Debatten, Referate, Kurzgeschichten. Der Matheunterricht war so gut, dass ich später in Deutschland solide auf einer glatten Zwei stand. Nach dem Unterricht lockten unzählige AGs: Sport natürlich ganz vorne, aber auch Literatur, Theater, Musik, Internationale Politik – sogar Führerscheinkurse. Wenn man gegen fünf Uhr nach Hause kam, wurde ein TV‑Dinner aus der Gefriertruhe aufgewärmt (TV‑Dinner hieß so, weil man es vor dem Fernseher aß) und dann ging es oft bis neun an die Schularbeiten. Klingt stressig – war es auch. Aber es machte Spaß, weil die Lehrer es verstanden, Interesse am Stoff zu wecken. Und sie hatten Interesse an uns.
Freitag war Dating‑Time: erst mit dem Date zum Football oder – je nach Saison – zum Basketball, danach ein Snack in einem der zahlreichen Diners. Samstags folgte das große Date: Kino und anschließend schick essen. Besonders beliebt waren die Autokinos. Vom Rücksitz aus sah man zwar nicht allzu viel von der Leinwand, aber der Film war ohnehin eher zweitrangig. Das alles ging ins Geld, zumal erwartet wurde, dass der Junge sämtliche Kosten übernahm. Also hatten fast alle vor und nach der Schule – meist aber am Wochenende – kleinere Jobs. Ich mähte regelmäßig die Rasenflächen von drei älteren Ehepaaren und hielt das Gelände um ein Ärztehaus sauber. Stundenlohn: zwei Dollar. Eine Schachtel Zigaretten kostete 20 bis 30 Cent. Ergebnis: Die ganze Welt rauchte. Auch ich erlag der Versuchung.
Die Alkoholregeln dagegen waren äußerst strikt. In Michigan durfte man selbst Bier ab 21 kaufen und trinken. Ich schätze, was ich in dem ganzen Jahr an Bier zu mir nahm, entsprach ungefähr den paar Gläsern, zu denen uns der damalige Schaumburger Landrat Herbert Saß beim monatlichen Juso‑Frühschoppen in Rinteln einlud – um zu hören, was uns Jugendlichen wichtig war. Einmal ging ich sogar extra mit einer Mitschülerin in ihre lutherische Kirche zum Abendmahlgottesdienst, in der Hoffnung auf einen Schluck Wein. Der Kelch enthielt Traubensaft. Welcome to America.
Heimweh hatte ich eigentlich nur einmal: Heiligabend wird in den USA nicht groß gefeiert, Bescherung gibt es erst morgens am ersten Weihnachtstag. Im Fernseher lief die beliebte Ed Sullivan Show und es traten die Schaumburger Märchensänger auf. Zwei oder drei der Kinder kannte ich und beim Lied „Mein Vater war ein Wandersmann“ kamen mir die Tränen. Recht traurig war ich an meinem 18. Geburtstag. Keiner in der Familie sagte beim Frühstück etwas, wir gingen wie immer zur Schule und auch danach Funkstille. Abends gegen 18 Uhr sagte der Vater zu mir, hol uns doch mal ein eis aus dem Keller. Ich machte unten die Tür auf und über 15 Freunde mit Wunderkerzen in der Hand riefen „Happy birthday“. Der Tag war gerettet.
Die Rassentrennung war offiziell seit einigen Jahren aufgehoben, doch in den Bussen sah ich noch die verblichenen Hinweise: „Coloreds and smokers must sit in rear“. Detroit erlebte im Sommer vor meiner Abreise einen der schwersten Race Riots der US‑Geschichte. Panzer rollten durch die Stadt, Fallschirmspringer der US‑Marines kamen zum Einsatz. Mein amerikanischer Vater fuhr zur Arbeit mit einer abgesägten Schrotflinte auf dem Armaturenbrett und einem geladenen Revolver auf dem Beifahrersitz. Meine Farewell‑Partys konnten wir nur zu Fuß durch Hintergärten erreichen, da ab 18 Uhr Ausgangssperre herrschte. Am Ende waren 44 Tote, über 1.000 Verletzte und mehr als 7.000 Festnahmen zu beklagen. Kontakt zu meinen Eltern in Rinteln hatte ich nicht – die Post‑ und Telefonzentrale in Detroit war zerstört.
Ende Juli ging es für uns Austauschschüler mit dem Greyhound‑Bus nach New York. Dort wartete die MS Aurelia auf rund 900 Austauschschülern aus ganz Europa, die nicht nur mit YfU (Youth for Understanding) in den USA waren. Das schon recht betagte Schiff – 1938 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut und unter italienischer Flagge in den 1950ern Tausende Emigranten in die USA gebracht – brauchte zwei Wochen bis Le Havre. Dankenswerterweise hatten wir auf der Überfahrt bestes Wetter und ruhige See. Mit dem Zug ging es weiter nach Amsterdam, wo mich meine Eltern braungebrannt und sichtbar erschöpft von zwei Wochen Dauerparty in die Arme schlossen.
Am nächsten Morgen klingelte es früh an unserer Haustür. Vor meiner Mutter standen meine beiden Freunde Bernd Pietzka und Ulrich Reineking mit ihren Schultaschen. „Wir sollen Burkhard Aufgaben vom Klassenlehrer bringen, damit er das Versäumte nachholt“, erklärten sie pflichtbewusst. Ich lag noch schlafend im Bett, als die beiden in mein Zimmer kamen. Aus den Aktentaschen wurden sechs Flaschen Bier geholt und auf meinen Schreibtisch gestellt. Wie heißt in einem Song von Kris Kristofferson? “And the beer I had for breakfast wasn’t bad, so I had one more for dessert.”
Welcome back to good old Germany. Das vielleicht für meine Entwicklung wichtigste, spannendste und, ja, schönste Jahr meiner Jugend war Geschichte.
Heute sind die USA leider in Verruf geraten, und die Gastfreundlichkeit sowie die Weite und Vielfalt des Landes geraten dabei oft aus dem Blick. Mit dem Song „This Land Is My Land“ von Woody Guthrie, gesungen von Bruce Springsteen und unterlegt mit Aufnahmen aus allen Teilen des Landes, möchte ich daran erinnern, was Amerika jenseits der aktuellen Schlagzeilen ausmacht. Hier bitte anklicken.
Meine Mutter wurde 1921 in Kensau in Westpreußen als jüngstes Kind des Schumachermeisters Emanuel Steinkraus und seiner Frau Hedwig geboren. Man taufte sie mit dem Namen Hildegard, aber niemand nannte sie so. Darum habe ich in ihrer Todesanzeige auch nur ihren Spitznamen Hillusch drucken lassen. Sie starb 2017 mit 95 Jahren.
1922 musste die Familie ihre Heimat verlassen, nachdem Westpreußen polnisch geworden war. Über Danzig gelangten sie nach Stargard in Pommern, das für sie zeitlebens zur eigentlichen Heimat wurde.
Dort erlebte sie eine glückliche Jugend, absolvierte eine Lehre in einem Porzellangeschäft und entwickelte eine lebenslange Liebe zu diesem Handwerk. Die anfängliche Begeisterung für den Nationalsozialismus wich der Ernüchterung, als ihr geliebter Bruder Otto im Krieg als Testpilot tödlich verunglückte. Die nationalsozialistische Verfolgung erlebte sie unmittelbar: jüdische Freundinnen verschwanden, Nachbarn wurden deportiert, ihr Vater half heimlich mit Lebensmitteln. Die Bilder der Deportationszüge vergaß sie nie. Meine Generation kann nur Gott danken, nicht in einer Zeit gelebt zu haben, in der die Grenzen jeglicher menschlicher Moral überschritten wurden . . .
Ab 1943 arbeitete sie in der Verwaltung eines Rüstungsbetriebs und half dort Zwangsarbeitern, vor allem Franzosen und Italienern. Kurz vor Kriegsende stellte sie ihnen eigenhändig gefälschte Entlassungspapiere aus und ermöglichte so ihre Rückkehr in die Heimat – Freundschaften entstanden, die viele Jahre hielten und zu vielen Fahrten nach Italien führten.
Im Februar 1945 floh sie mit ihrer Mutter unter großen Entbehrungen in den Westen nach Rinteln. Ihr Vater kam völlig abgemagert Monate später in Rinteln an. Er hatte bis einen Tag vor der Einnahme Stargards durch die Russen in seinem Haus ausgeharrt. Der Haustürschlüssel ist die einzige Erinnerung an das Haus in der Jägerstraße.
Die Millionen Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien wurden im Westen nicht gerade mit Begeisterung von den Einheimischen aufgenommen. Auch in Rinteln machten Hausbesitzer Wohnungen unbewohnbar, nur um keine Flüchtlinge aufzunehmen. Meine Großeltern wohnten im Blumenwall – man knn es nicht anders sagen- in einem Kellerloch, bestehend aus zwei Räumen und einer kleinen Küche. Ein Zimmer war Wohnzimmer und Schlafzimmer und der andere Raum war Opas Schusterwerkstatt.
Meine Mutter fand Arbeit als Kellnerin im Café Fehring in der Weserstraße und lernte dort meinen Vater kennen und heiratete ihn 1947. Die selbst ausgebaute Wohnung in der Mühlenstraße 15 bewohnten wir auch noch nach der Geburt meines Bruders 1958 bis Anfang der 1960er Jahre. Selbst mein Cousin Hans-Joachim, der aus der DDR geflüchtet war, fand in der kleinen Wohnung ein Jahr Unterschlupf.
1961 zog die Familie in ein eigenes Haus, das bis zu ihrem Lebensende ihr Zuhause blieb – stets offen für Gäste. 1972 traf sie der schwerste Schlag ihres Lebens: Bei einem Flugunfall starben ihr Mann und ihr Sohn Ralf.
In ihrer zweiten Ehe mit dem Lehrer Alfred Renschen machte sie viele Reisen, besonders an den Gardasee. Auch nach seinem Tod blieb sie aktiv, pflegte Haus und Garten, liebte Gespräche und viele Gäste, Reisen, Sport und das Leben.
Sie war eine liebevolle Mutter, Groß- und Urgroßmutter, Mittelpunkt einer großen Familie. Bis zuletzt klar und humorvoll, blickte sie dem Ende gefasst entgegen. Auf die Frage nach ihren schönsten Erlebnissen sagte sie: „Die Geburten meiner Kinder und die vielen schönen Reisen.“
Ihr Abschiedssatz an mich im Krankenhaus lautete:
„Ich habe dir alles gesagt, was ich sagen wollte. Und was ich nicht sagen wollte, habe ich für mich behalten.“ Es gäbe noch vieles über sie zu erzählen aber seht es mir nach, dass ich das
ebenfalls für mich behalte. Besonders dankbar bin ich jedenfalls, dass sie meinen USA-Aufenthalt als Austauschschüler gegen den Willen meines Vaters durchsetzte – und der hatte leider gute
Gründe!
Mein erstes selbst gekauftes Geschenk an meine Mutter war das Lied „Weiße Rosen nach Athen“ von Nana Mouskouri zu ihrem 40. Geburtsag 1961. Ich fegte eine Woche lang die Backstube der Konditorei Fehring und hatte das Geld für die Schallplatte zusammen. Mein Vater nannte sie immer "Die singende Brille". Hier der Song in einer besonders schönen mehrsprachigen Version.
Im Frühjahr 1971, gegen Ende meines Ersatzdienstes – das Studium wartete bereits – verbrachte ich wie so oft meinen freien Sonntag auf dem Segelflugplatz. Mein Vater ging an mir vorbei, drückte mir im Vorübergehen einen Briefumschlag in die Hand und sagte nur: „Hier, steck mal ein.“
Erst als er außer Sichtweite war, riss ich den Umschlag auf. Darin lag die Bestellung für einen VW Käfer 1200 A. Abholbereit übernächste Woche bei der VW-Niederlassung in Hameln. Meine etwas ungelenken Dankesworte wurden später mit einem knappen „Ist schon gut!“ abgewehrt.
So war er, mein Vater – und das weist auf zwei Dinge hin.
Erstens: Er gehörte zu jener Generation von Männern, die ihre Gefühle nur sparsam dosierten. Vermutlich ein Nachhall der Kriegserlebnisse.
Gespräche im eigentlichen Sinne führte er mit mir selten. Eher Sätze wie:
„Mäh mal eben den Rasen zu Ende.“ Er selbst hatte dann gerade zwei Bahnen gemäht – den Rest unseres gut 2000
Quadratmeter großen Grundstücks überließ er großzügig mir.
Zweitens: Es ging in jenen Jahren rasant aufwärts. 1948 lebten wir in zwei kümmerlichen Zimmern mit Küche, ohne Bad. Gut zehn Jahre später stand das eigene Haus – und sogar das ehemalige Mietshaus in der Altstadt, in dem wir zuvor gehaust hatten, konnte erworben werden. Wirtschaftswunder zum Anfassen.
Mein Vater hatte viele Rollen: Familienvater, Präsident des Segelflugvereins, einer der besten Segelflieger Deutschlands, Inhaber eines Malerbetriebs und Kommunalpolitiker. Sollte ich diese Rollen ordnen, läge die Politik wohl auf Platz vier. Bei Platz eins allerdings wäre ich unschlüssig – im Zweifel war es das Fliegen.
Einmal mokierte sich im Rintelner Stadtrat ein CDU-Ratsherr über die aufsässige Jugend:
„Wie Gammler laufen sie herum und verhöhnen uns mit umgehängten Eisernen Kreuzen, die um ihren ungewaschenen Hals bammeln." Mein Vater, damals SPD-Fraktionsvorsitzender, erwiderte
ruhig:
„Ich besitze aus dem Krieg das EK II und das EK I. Von mir aus kann sich mein Sohn die Dinger an den Hintern binden und damit durch die Stadt laufen. Mehr sind sie nicht wert." Daraufhin verließ
die Opposition geschlossen die Ratssitzung. Nie war ich stolzer auf meinen Vater.
Von klein auf schleppte er mich mit zum Flugplatz. Fliegen lernte ich mit vierzehn, alle Prüfungen bis hin zum Luftfahrerschein schaffte ich mit sechzehn. Mir war allerdings immer klar, dass ich
niemals an die fliegerischen Fähigkeiten meines Vaters heranreichen würde. 1968 sollte ich die Silber-C anstreben. Den Fünf-Stunden-Flug – stets entlang des Wesergebirges bei Südwind – hatte ich
bereits absolviert. Nun stand ein erster Überlandflug an, Ziel: Hildesheim. Nach gut einer Stunde kurbelte ich kurz hinter Hameln, als plötzlich das Funkgerät quakte:
„Schau mal nach oben!“ Weit über mir schwebte mein Vater. Er war nur „mal eben rübergeflogen“, um nachzusehen, wo sein Sohn abgeblieben war. Das reichte mir. Ich schaltete das Funkgerät aus und
suchte mir eine passende Wiese zur Landung. Ich glaube, in diesem Moment wurde meinem Vater endgültig klar, dass man aus einem Sohn keine Eins-zu-Eins-Kopie machen kann. Das nötige
Selbstbewusstsein, nicht in allen Dingen nur dem Vater nachzueifern, sondern den eigenen Weg zu gehen, habe ich mir in dem Jahr erworben, das ich in den USA verbrachte. Das ist mir eigentlich
erst jetzt im Rückblick klar geworden. Und Hildesheim habe ich zum ersten Mal gesehen, als ich ins Referendariat an die Robert-Bosch-Gesamtschule kam.
An regelmäßiges Taschengeld kann ich mich nicht erinnern. Dafür besorgte mir mein Vater in den Ferien und auch während der ersten Semesterferien immer wieder Jobs. Man muss selbst in der Fabrik, auf Montage oder als Hausmeister auf einer Autobahnraststätte gearbeitet haben, um lebenslang einen tiefen Respekt vor körperlicher Arbeit zu entwickeln. Daher habe ich mich sehr gefreut, dass meine Töchter während ihrer Schulzeit und im Studium immer wieder Ferienjobs hatten, um ihr Taschengeld aufzubessern.
Von den Männer unserer Väter- Generation habe ich nur einen weiteren ähnlich geschätzt wie meinen Vater Friedo Kallmeyer: Meinen Schwiegervater Helmut Wellner. Beide Männer waren sich in vielerlei Hinsicht ähnlich - trotz gänzlich unterschiedlicher Lebenswege. Beide starben leider viel zu früh.
Ich widme beiden Männern den wundervollen Song "Winds of change" von Mike Batt. Hört mal rein.
Bis 1965 verjährte die Strafverfolgung von Mord nach zwanzig Jahren. Für mich war das damals kaum zu begreifen. Ausgerechnet die schlimmsten Verbrechen der NS-Zeit – Verbrechen, deren Täter zu Tausenden ungeschoren davongekommen waren – sollten plötzlich einfach als „verjährt“ gelten. Ich saß am Radio, hörte die Debatte im Bundestag und spürte, wie in mir etwas arbeitete.
Besonders die Rede des SPD-Abgeordneten Adolf Arndt hat mich tief bewegt – so sehr, dass ich sie bis heute beinahe Wort für Wort erinnere. Als er sagte:
„Wenn eure leibliche Mutter auf dem Sterbebett liegt und schwört bei Gott … dass sie nicht gewusst hat, dann sage ich euch: Die Mutter bringt’s nur nicht über die Lippen, weil es zu fürchterlich ist, das gewusst zu haben oder wissen zu können, aber nicht wissen zu wollen.“
war das für mich ein Schlag in die Magengrube – schmerzhaft, aber wahr. Und als er noch hinzufügte:
„Ich weiß mich mit in der Schuld. Denn sehen Sie, ich bin nicht auf die Straße gegangen und habe geschrieen, als ich sah, dass die Juden aus unserer Mitte lastkraftwagenweise abtransportiert wurden … Ich kann nicht sagen, dass ich genug getan hätte.“
wurde mir die Kehle eng.
Denn das sagte ein Mann mit jüdischen Vorfahren, der 1933 als Richter entlassen worden war und ab 1943 Zwangsarbeit leisten musste. Einer, der allen Grund gehabt hätte zu sagen: Ich war Opfer. Doch Adolf Arndt sprach von Verantwortung und Schuld – von seiner eigenen und von der seiner Generation.
Das beeindruckte mich tief und die Frage ließ sich nicht mehr verdrängen: Welche Rolle spielten eigentlich die Eltern, Onkel und Tante, die Lehrer während der Zeit des Nationalsozialismus, über das ja im Elternhaus kaum und in der Schule schon gar nicht gesprochen wurde. Der Geschichtsunterricht hörte mit dem Kaiserreich oder spätestens mit der Weimarer Republik auf.
Ich glaube, in diesem Moment hat es bei mir „Klick“ gemacht. Schon zuvor hatte ich mit dem Gedanken gespielt, der SPD beizutreten; als Jungsozialist war ich ohnehin schon nah dran. Aber Arndts Worte gaben mir den letzten Schubs. Plötzlich wusste ich sehr klar, wo ich politisch hingehörte – und warum.
Meinen Eltern traute ich mich zunächst nicht, meine Mitgliedschaft zu beichten. Ich war gerade sechzehn und hoffte auf eine passende Gelegenheit. Umso größer mein Schrecken, als eines Tages die Kassiererin der SPD bei uns vor der Tür stand, um den Monatsbeitrag zu kassieren. Und ausgerechnet mein Vater öffnete. Von der Küche aus hörte ich ihn sagen: „Wie sieht es aus, Friedo, zahlst du den Beitrag deines Sohnes auch mit?“
Das war der Beginn einer nicht immer konfliktfreien Beziehung zur SPD. In diesem Jahr wurde ich für 60 Jahre Mitgliedschaft geehrt – von meiner Tochter Iris, die heute Vorsitzende unseres Ortsvereins Harsum ist. Iris ist inzwischen die vierte Generation in unserer Familie, die sich in der SPD engagiert. Vielleicht folgt ja sogar eine fünfte – vorausgesetzt, die Partei versinkt nicht in der Bedeutungslosigkeit. Dafür braucht es nicht nur die richtigen Themen, sondern auch die richtigen Köpfe. Führungspersönlichkeiten vom Format eines Willy Brandt oder Helmut Schmidt täten der Partei gut. Und es darf dabei sehr gern auch eine Anführerin sein.
Was vor zehn Jahren noch für mich undenkbar gewesen wäre, ist heute leider Realität: Unsere Demokratie wird von außen und innen wieder bedroht. Sie zu verteidigen und den Frieden zu bewahren, muss die Aufgabe aller demokratischen Strömungen in unserem Land sein. Pfarrer Dr. Roland Baule, der auch für mein Dorf Hönnersum zuständig ist, schrieb mir vor ein paar Tagen eine Mail und ich kann seine darin geäußerte Ansicht nur dick unterstreichen: „Meine tiefste Überzeugung ist, dass wir, die wir diese Gesellschaft tragen, einfach in guter Weise zusammenarbeiten müssen. Gerade in diesen aufgewühlten Zeiten.“
Meinen Kurzhaarschnitt aus dem Jahr 1965 verdanke ich übrigens der Überredungskunst meiner Mutter (die Lederjacke auf dem Foto hingegen war eine Leihgabe meines Cousins Helmut). Ich hatte mich für einen einjährigen Schüleraustausch in die USA beworben, und meine Mutter war der Meinung, ich müsse zum Bewerbungsgespräch in Osnabrück mit ordentlichem Haarschnitt, Anzug und Krawatte erscheinen. Overdressed und gehemmt saß ich zwischen den anderen Bewerbern und schaffte es gerade noch auf die Ersatzliste. Amerika schien ein Traum zu bleiben.
Der Schlager „Mit 17 hat man noch Träume“ von Peggy March aus dem Jahr 1965 würde vom Titel her eigentlich passen aber mir gefällt „Dream On“ von Nazareth besser.
Ich muss heute zugeben: Ich war ein ziemlich bequemer um nicht zu sagen fauler Schüler. Jedes spannende Buch war mir wichtiger als die Hausaufgaben, und nicht selten stand in meinem Zeugnis der wohlbekannte Satz: „Er zeigt Einsatzbereitschaft und Fleiß nur bei Aufgaben und Themen, die ihn besonders interessieren.“ Vor allem im Fach Deutsch hagelte es bei „Tante Mia“ Fünfen. Unter jedem Aufsatz prangte ihr Lieblingskommentar: „Im Ausdruck platt und unbeholfen. Keine Leistung für diese Klassenstufe!“
Meine Mutter schickte mich daraufhin zu einem pensionierten Oberstudienrat. Nach zwei Nachhilfestunden stand der nächste Aufsatz an – und plötzlich bekam ich eine glatte Eins. Das „Wunder“ erklärte sich schnell: Meine Mutter kannte jeden Klatsch der Stadt, und meine Lehrerin war mit meinem Nachhilfelehrer „platonisch befreundet“ – wie man damals diskret eine heimliche Liebelei nannte.
Wie man auf dem Klassenfoto (ich stehe ganz rechts) unschwer erkennt, waren wir ein großer Haufen. Wenn ich mich nicht verzählt habe, waren wir 43 Schüler. Auf dem meinem Abi-Foto dagegen waren wir elf Schülerinnen und Schüler. Elf! Bis heute frage ich mich, wie ich es in diesen exklusiven Kreis der „Überlebenden“ geschafft habe. Vielleicht lag es an Lehrern wie Wilfried Klute, Conny Müller oder Frau Dr. Rink, die mich nicht nur förderten, sondern auch forderten – und die trotz allem Verständnis für uns Schüler hatten.
Anneliese Rink sagte später einmal über mich: „Trotz aller Probleme, die er mir gemacht hat, habe ich immer einen guten Kern in ihm vermutet.“ Mal ehrlich: Das war vermutlich die diplomatischste Umschreibung für „anstrengend, aber irgendwie liebenswert“, die je ein Lehrer gefunden hat.
Und Conny Müller war der verständnisvollste Lehrer, dem ich in dieser Zeit begegnete. Bei einem 14-tägigen Waldeinsatz im Jugendheim „25 Eichen“ bei Stadtoldendorf erwischte er meinen Freund Bernd und mich, wie wir uns in der Küchenbaracke ein Bier gönnten, das wir der Köchin abgeschwatzt hatten. „Hab ich’s mir doch gedacht, als ich euch in die Küche schleichen sah! Also gut, trinkt es aus – aber kein Wort davon!“ Fünfen gab er nur äußerst ungern. Sein berühmter Spruch lautete: „Unter Zudrückung sämtlicher Augen, inklusive der Hühneraugen, gerade noch eine schwache Vier minus!“
Von diesen beiden Lehrern habe ich viel gelernt. Für meinen späteren Lehrerberuf vor allem eines: fair zu sein, gerecht zu handeln – und auch einmal „Fünfe gerade sein zu lassen“. Denn ich wusste ja aus eigener Erfahrung nur zu gut, warum Schüler manchmal frustriert sind, träumen, herumalbern oder sich plötzlich für alles interessieren – außer für den Unterricht.
Bei diesen Erinnerungen fällt mir immer wieder das Lied „Teach Your Children Well“ von Crosby, Stills, Nash & Young ein, das 1969 veröffentlicht wurde. Hört mal rein – es passt erstaunlich gut.
1963 fuhr ich als 14-Jähriger mit dem Kreisjugendring zum ersten Mal nach England. Wir waren in Gastfamilien untergebracht, und für mich öffnete sich eine völlig neue Welt. Mein erster Eindruck: Die Engländer lebten deutlich schlichter – um nicht zu sagen ärmer – als wir Deutschen, wo es knapp zwanzig Jahre nach dem Krieg schon wieder steil bergauf ging. Doch Mode, Musik und Lebensart – all das war für mich neu und faszinierend. Die Teenager dort sprühten vor Lebensfreude; überall Beatlemania, Musik war quasi die zweite Landeswährung.
Ein Jahr später packte mich der Entdeckergeist erneut, und ich fuhr sogar allein nach England, wieder zu einer Gastfamilie. Mein Englisch verbesserte sich dadurch zwar deutlich, doch die Schule ließ das völlig kalt. Dort quälte man uns weiterhin mit staubtrockener Grammatik und Übersetzungen noch staubtrockenerer Texte. Von lebendigem Englisch oder gar britischem Humor keine Spur.
Legendär wurde später der Jugendaustausch der Schaumburger Jusos mit unseren Freunden in Birmingham. Ein Jahr kamen sie zu uns, im nächsten Jahr reisten wir zu ihnen. 1970 half ich sogar im englischen Wahlkampf: Wir zogen von Haustür zu Haustür und sagten brav unseren Spruch auf:
„Hello, I am calling on behalf of the Labour Party and would like to know what you are going to vote next Thursday!“
Antwortete jemand „Labour“, gab’s einen Haken auf der Liste. Nur ein einziges Mal mussten wir Reißaus nehmen – ein Farmer fauchte uns an: „Piss off or I’ll get the bloody dog after you!“ Ich übersetze das jetzt mal nicht!
Natürlich führte auch meine erste Urlaubsreise mit meiner Freundin Angelika 1971 nach Cornwall und zu den Young Socialists in Birmingham. Mit Gaskocher, vielen Dosen und einem alten Zelt kamen wir mit 200 Mark vierzehn Tage über die Runden. Und in den späteren Jahren wurde England, besonders in den Sommerferien mit unseren Töchtern, fast so etwas wie unsere zweite Heimat. Einmal waren wir sogar zwei Jahre hintereinander in dem kleinen Ort Buckfastleigh. Gegenüber unserem Ferienhaus, mitten im Ort, lag ein Pub. Als ich beim zweiten Besuch wieder einmal dort einkehrte, hielt der Wirt sofort ein Glas unter einen der vielen Zapfhähne und fragte mit stoischer Miene: „Same as usual, Sir?“
Und passend zu all diesen England-Erinnerungen kommt heute kein Beatles-Song, sondern etwas von den Searchers. Die habe ich viele Jahre später sogar im Original gehört – auf dem 40. Geburtstag meines besten Schulfreundes Bernd Pietzka, mit dem ich mehrfach in England war und mit dem ich den Jugendaustausch mit Birmingham organisiert hatte. Er hatte die Band für seine Feier engagiert. Da war richtig Stimmung in der Bude, und meine Frau fühlte sich noch einmal wie mit 16. Fragt mich nicht, was der Spaß gekostet hat! Aber als Arzt mit einer gut laufenden Praxis konnte er sich das wohl leisten.
Eine Episode mit ihm muss ich erzählen. 1973 half er mir und unserem Hausmeister Walter Schwedler, das große Mietshaus zu streichen, das mein Vater 1966 erworben hatte. An einem heißen Sommertag kam Bernd erst um zwei Uhr zur Arbeit. Er hatte in Hannover morgens seine Prüfung als Doktor der Medizin bestanden. Walter schmiss zur Feier des Tages eine Runde von seinem selbst angesetzten Rumtopf. Die drei Gläser wurden uns von seiner Frau aus dem Fenster im dritten Stock auf das Gerüst gereicht. Nach der Arbeit feierten wir sein Examen in Kuddels Bierstube bei Bratwurst und Herforder Pils.
Leider ist Bernd inzwischen verstorben. Das letzte Mal sah ich ihn an meinem 70. Geburtstag; morgen jährt sich sein Todestag zum dritten Mal.
Anyway – hier kommen nun seine Lieblingsband und „Needles and Pins“.
In der Mitte der 1960er gab es in Deutschland noch kaum Diskos. In Rinteln tauchte erst später, als ich schon in der Oberstufe war, die legendäre „Bonanza“ auf. Die machte um 20 Uhr auf, und für 5 Mark Eintritt bekam man eine Cola dazu, an der wir uns dann den ganzen Abend festhielten – sozusagen unser „Longdrink“. Beliebt waren auch die "Beatschuppen" - das waren in der Regel die Säle von Dorfkneipten, deren Wirte das Zusatzgeschäft am Sonntagnachmittag gerne mitnahmen. Dort fuhren wir mit unseren Rädern hin; meistens mit Jackett und auch ein Schlips war nicht ungewöhnlich.
Das eigentliche Highlight war aber zweimal im Jahr die Rintelner Messe, jeweils am ersten Mai- und Novemberwochenende. Seit dem Mittelalter Verkaufsmesse, für uns aber das Größte überhaupt: die ganze Altstadt im Schatten von St. Nicolai voller Kirmes, Lichter, Musik, und irgendwo dazwischen wir – daueraufgeregt und voller Lebensgefühl.
Unser Revier war das Raupenkarussell. Wohl dem, der schon eine Jeans sein eigen nennen konnte oder gar sich auf verschlungenen Wegen ein bedrucktes T-Shirt aus England besorgt hatte! Die stachen hervor und wurden neidvoll begafft von denjenigen die mit kariertem Flanellhemd oder mit Pullovern im Rautenmuster anrückten. In der Schule waren Jeans oder gar Jeansjacken nicht gerne gesehen. Die Mädchen trugen überwiegend Kleider und Röcke und wer von den Jungs gegen die Haar-Ordnung (Nacken und Stirn sind frei zu halten!) verstieß, musste beim Direx antanzen. Ich war ihm nicht nur deswegen wohlbekannt.
Wenn man eine Fahrkarte für das Karussell löste, durfte man sich einen Song wünschen. Und wir hingen dann lässig an der Reling, als wären wir die Rolling Stones persönlich auf Welttournee, während der DJ im Kartenhäuschen unsere Plattenwünsche erfüllte. Am Ende der Fahrt senkte sich das Verdeck über die Wagen – der Moment der Wahrheit. Wenn man eine Freundin dabeihatte, konnte man ihr im Halbdunkel schnell einen Kuss unter der Plane klauen.
Ich höre heute noch die Ansage aus dem kleinen Kabuff: „Und nun für die Halbstarken in Wagen 16 – zum vierten Mal hintereinander The Last Time von den Rolling Stones!“ Das waren wir: Team Stones, während die Mädchen natürlich eher Team Beatles waren. Da gab’s klare Fronten. Heute sehe ich das Video von damals mit den Stones mit einem Schmunzeln: Für unsere Eltern und Lehrer waren diese brav gekleideten Jungs die Vorhut der Weltrevolution! Unser gesamtes Taschengeld ging übrigens für den Schallplattenkauf drauf. Eine Single kostete 5 Mark. Dabei muss man wissen, dass um 1965 ein Glas Bier oder Cola in der Kneipe 50 Pfennig kostete. Setze das mal in Relation zu den heutigen Getränkepreisen!
Regelmäßig fährt unsere Familie nach Rinteln, um die Gräber aufzusuchen. Ein Besuch der Nikolaikirche gehört natürlich auch dazu. Hier ein Bild mit einer alten Freundin meiner 2017 verstorbenen Mutter, die die Kirche betreut. Daneben ist sie im Eine-Welt-Laden tätig, leitet eine Wandergruppe und singt im Chor. Mit über 80 Jahren hat sie es sogar fertig gebracht, von Rinteln in mehreren Etappen nach Hamburg zu wandern. Würde mich nicht wundern, wenn sie sich zum 90. Geburtstag einen Tandem-Fallschirmsprung wünscht!
In dieser Kirche bin ich wie mein Vater und meine Oma getauft und konfirmiert worden. Vom Konfirmandenunterricht habe ich nur noch das Bibelnachschlagen in Erinnerung, mit dem die letzten 10 Minuten des Unterrichts verbracht wurden. Superintendent Precht gab das Kommando: „Vers Neuiiin . . . Kapitel Ääählf …. Pause … Erste Korinther!“ Dann wurde wie wild in der Bibel herumgeschlagen und schon ratterte einer los: „ Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen.“ Zur Belohnung durfte er vorzeitig nach Hause gehen.
So ab 16 trafen wir uns im „Jugendforum“, das der neue Superintendent Eckels ins Leben gerufen hatte. Eckels war im Krieg Marinepfarrer gewesen und war auch sonst stockkonservativ. Ich glaube, er wollte uns nicht nur zum rechten Glauben sondern auch zu einer rechten Gesinnung hinführen. Das hielt uns aber nicht davon ab, montags brav vor dem Gemeindesaal zu stehen, denn nach einem Referat, auf das wir uns reihum meldeten, wurden Karten gespielt und auf dem Flur stand eine Kiste Bier, aus der wir uns bedienen durften.
Unsere zunehmend linken Tendenzen beobachtete Eckels allerdings mit wachsender Sorge. Eines Tages platzte es aus ihm heraus, nachdem jemand den Vietnamkrieg geißelte – mit Worten, die er offensichtlich aus dem „Neuen Deutschland“, dem Sprachrohr der SED, abgeschrieben hatte. Eckels donnerte: „Welche Nattern habe ich an meiner Brust großgezogen!“ und zerquetschte dabei seine halb gerauchte Zigarre so energisch im Aschenbecher, als wolle er gleich noch den Kommunismus persönlich mit erledigen. Seine Welt - oder sollte ich gleich sagen die Welt unserer Eltern? - trennte sich von unseren Welten.
Passend dazu bin ich neulich in den Tiefen des Internets über Bob Dylans „With God on Our Side“ gestolpert – gesungen vom damals 22-jährigen Nobelpreisträger persönlich, im Duett mit Joan Baez. My god, waren die jung! 1963 traten sie quasi für ’nen Appel und ein Ei auf; bei seiner diesjährigen Deutschlandtour des nunmehr 84jährigen gingen die Tickets dafür bis an die 400 Euro. Hier Bob Dylan, wie er uns damals begeisterte.
Neben Berlin war Zwickau in der DDR eines der häufigsten Reiseziele meiner Familie. Sobald meine Mutter oder meine Eltern eine Einreisegenehmigung erhielten, ging es los – meist mit dem Zug, manchmal auch mit dem Auto. In Zwickau lebten „Tante“ Gisela und „Onkel“ Horst, die eine privat geführte Drogerie betrieben. Sie lief hervorragend, denn dort bekam man vieles, was in keinem HO-Laden und keiner Kaufhalle zu finden war.
Nach der Ankunft führte der erste Weg stets zum Hauswart, der uns als Übernachtungsgäste ins Hausbuch eintrug. Danach mussten wir zur Polizeidienststelle, um uns die Anmeldestempel abzuholen.
Zwickau habe ich bis heute als graue Stadt in Erinnerung. Farbe brachten nur die Fahnen und Spruchbänder, die überall hingen. Über allem lag der typische DDR-Geruch: eine Mischung aus Bohnerwachs, Braunkohleabgasen und Zweitakt-Benzin. Wer sich diesen „Duft“ in Erinnerung rufen möchte, sollte einmal den Fahrstuhl im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover nutzen – dort scheint er konserviert zu sein.
Da ich Frühaufsteher war, durfte ich morgens gegen sieben zum Bäcker gehen und mich in die Brötchenschlange einreihen. Wenn der Laden um acht öffnete, löste mich Tante Gisela ab. Musste Onkel Horst etwas mit meinem Vater besprechen, fuhren die beiden mit dem Auto zum Marktplatz – „das Haus ist verwanzt“, pflegte er zu sagen. Nach der Wende stellte sich heraus, dass er recht gehabt hatte: Bei der Renovierung fand man tatsächlich winzige Mikrofone und Kabel.
Ich bin überzeugt, die DDR hätte deutlich länger bestehen können, wenn nicht Milliarden in Grenzsicherungsanlagen, Bespitzelung und Gefängnisse geflossen wären.
Tante Gisela war übrigens keine wirkliche Tante, sondern eine enge Freundin meiner Mutter. Die beiden hatten sich im Krieg kennengelernt, weil ihre Brüder befreundete Piloten waren – beide stürzten kurz hintereinander über Frankreich ab. Aus diesem tragischen Zusammenhang entstand eine lebenslange Freundschaft, die bis 2013 währte. Jedes Jahr erreichte uns ein Dresdner Stollen von ihr. Heute kommen die Stollen immer noch zu uns – nur bestellen wir sie nun selbst bei der Bäckerei Mildner in Pulsnitz.
Im Sommer 1988 sah ich im Ostfernsehen Ausschnitte eines Bruce-Springsteen-Konzerts in Ost-Berlin. Vor Hunderttausenden sagte er: „Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein. Ich möchte euch sagen: Ich bin hier nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock’n’Roll zu spielen – für euch Ost-Berliner –, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren fallen.“ Bei der zeitversetzten Ausstrahlung war dieser Satz natürlich herausgeschnitten worden. Damals hatte ich das Gefühl: Den Geist, den die DDR-Führung mit diesem Konzert aus der Flasche gelassen hatte, würde sie nie wieder hineinbekommen.
Hier ist nun der Originalausschnitt: Bruce Springsteen mit „Chimes of Freedom“ – den Glocken der Freiheit.
In Berlin-Zehlendorf wohnten alle Verwandten meiner Mutter. Dort machte ich am Wannsee meine ersten Schwimmversuche und mein Cousin Hartmut brachte mir das Radfahren bei. Meine Aversion gegen alles Uniformierte entwickelte sich vermutlich schon im zarten Alter von vier Jahren. Ich sehe heute noch die Szene vor mir: Wir standen stundenlang mit unserem Interzonenzug am Grenzübergang, während russische Soldaten mit Schäferhunden außen patrouillierten, damit niemand ausstieg.
Die Berliner Mauer bestimmte alle Kontakte mit Freunden und Verwandten in der Zone, wie man damals sagte. 1970 trafen wir uns mal mit den Freunden meiner Eltern aus Zwickau in Ostberlin am Alexanderplatz. Unser amerikanischer Austauschschüler Duane musste den Übergang Checkpoint Charlie nutzen und wir fuhren über Bahnhof Friedrichstrasse. Die Westberliner selbst hatten damals Einreiseverbot. Meine Mutter, das verrückte Huhn, hatte Duane bei C & A in Steglitz einen Anzug gekauft, zu dem es einen Schlips gratis dazu gab. Die Krawatte war bestickt mit den Wappen der verlorenen Ostgebiete Pommern, Ostpreußen und Schlesien. Mit genau diesem Schlips passierte Duane die Grenzkontrollen. Ich möchte bis heute nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn die Grenzer an dem Tag bessere Geschichtskenntnisse gehabt hätten. Wahrscheinlich hätten wir ihn erst Wochen später mithilfe des amerikanischen Konsulats wieder zu Gesicht bekommen. Ob Duane je einen zweiten Schlips angeschafft hat, kann ich nicht sagen. Fakt ist: 2005 trug er das gute Stück bei der Hochzeit unserer Tochter Iris – und bei jedem weiteren feierlichen Anlass in Deutschland.
1971 lernte ich Angelika kennen, und unser erster gemeinsamer Ausflug führte nach Berlin. Mit dabei: deutsche und englische Jungsozialisten, mit denen wir in Rinteln in regem Austausch standen. Als in Marienborn der Grenzer in den Bus stieg, konnte mein Freund Bernd nicht widerstehen und rief von hinten ein herzhaftes „Willkommen in der Ostzone!“ Das führte zu einer besonders gründlichen Passkontrolle, die ich nach einer Stunde verkürzen konnte, indem ich dem VOPO-Offizier eine Schachtel Camel zusteckte.
Bei meiner ersten Fahrt nach Berlin als Vierjähriger im Interzonenzug hatte mir meine Mutter eingeschärft: „Wenn dich der Schaffner fragt, wie alt du bist, dann musst du drei Jahre sagen!“ Offensichtlich war die Fahrt bis zu dem Alter damals umsonst. Die Frage kam tatsächlich und ich antwortete klar und deutlich: „Ich bin drei. Aber als ich Geburtstag hatte, war ich schon mal vier!“ Vermute, meine redegewandte Mutter wird mich als geistig minderbemittelten Dummkopf hingestellt haben, um die peinliche Situation zu überspielen.
Was mich heute im Nachhinein erstaunt, dass ist die unglaubliche Energie und Hartnäckigkeit, über 40 Jahre hinweg die Kontakte mit den Freunden und Verwandten im Osten aufrechtzuerhalten. War schon crazy diese Zeit. Ute Freudenberg, eine populäre Sängerin in der DDR, hat das nach der Wende in einem Lied im Duett mit einem Sänger, der im Westen aufgewachsen war, gut auf den Punkt gebracht. Hört hier mal rein.
Die Weser war in meiner Jugend ein täglicher Begleiter. Ich sah sie jeden Tag, wenn ich aus unseren Fenstern schaute. Ich freute mich, wenn ein Bockschiff die Weser heraufdampfte und ich kann mich sogar noch an die großen Flöße erinnern: Zusammengebundene Baumstämme die von zwei bis drei Männern bis nach Bremen navigiert wurden.
Im Winter fror die die Weser zu und man konnte über die Eisschollen auf die andere Seite klettern. In den 1960er Jahren war es leider nichts mehr mit der zugefrorenen Weser, da die Kaliwerke in der DDR große Mengen Salzwasser in die Werra abließen. Fische gab es nun kaum noch und das Buschwerk an den Ufern verkümmerte.
Wie die meisten Flusskinder lernte ich schwimmen, bevor ich wusste, wie man seinen Namen schreibt. Klar, das war unsere Lebensversicherung. Wenn ein Bockschiff vorbeikam, schwammen wir manchmal so dicht heran, dass wir das Beiboot greifen konnten und man ließ sich einige hundert Meter mitziehen, um sich dann gemütlich wieder ans Ufer treiben zu lassen. Das galt als die ultimative Mutprobe unter uns Kids, denn in die Nähe des Schiffes durfte man auf keinen Fall kommen.
Wer wie ich zahlreiche Hochwasser mitbekommen hat, wird übrigens nie auf die Idee kommen, ein Haus in der Nähe eines Flusses zu bauen. Im Sommer war der Wasserpegel manchmal so niedrig, dass wir durch den Fluss zur Badeanstalt auf der anderen Weserseite waten konnten. Und dann gab und gibt es Hochwasserzeiten, in denen die halbe Stadt absoff.
Auch heute noch muss ich wenigstens einmal im Jahr an der Weser sitzen. Es gibt kaum einen Platz, an dem ich mehr eins mit der Natur, mehr eins mit mir selbst fühle. Die Weser war und ist mein Mississippi, mein Ol’ Man river.
Der „Ernst des Lebens“, wie man so schön sagt, begann für mich mit dem Eintritt ins Gymnasium. Bis dahin war mir das Lernen mehr oder weniger zugeflogen – wie reife Äpfel, die man nur noch abpflücken musste. Aber plötzlich hieß es: büffeln. Und genau das lag mir so gar nicht.
Dazu kam, dass wir ehemaligen Straßenkinder auf einmal nicht mehr die Mehrheit bildeten. Stattdessen begegnete man jetzt Arzttöchtern, dem Sohn des Fabrikanten und dem Sprössling des Stadtdirektors. Da fühlte man sich schon ein bisschen wie ein Besucher aus einer anderen Galaxie – mit Sand in den Schuhen statt Lateinwörterbuch im Gepäck. Die einen bekamen halt zu Nikolaus eine Märklin Lokomotive (Schienen und Waggons gab’s dann wohl zu Weihnachten) während sich unsereins über eine Apfelsine und eine Tafel Sprengel-Schokolade freute.
Und dann waren da noch die Lehrer. Einige hatten ihre Nazi-Vergangenheit so mühsam übertüncht, dass der Lack schon beim ersten schärferen Blick wieder abblätterte. Ein Beispiel von vielen:
„Kallmeyer! Sag mal die Gebirge Deutschlands auf!“
Kein Problem. Ich ratterte das Weserbergland runter, den Harz, die Rhön, selbst Feinheiten wie das Rothaargebirge, bis hin zu den Alpen. Alles sauber aufgezählt.
„Da fehlen zwei, Kallmeyer: die Vogesen und der Böhmerwald!“
Mein vorsichtiger Einwand, dass diese ja zu Frankreich bzw. zur CSSR gehörten, wurde mit einem bissigen „Die holen wir uns irgendwann wieder!“ abgewürgt und dann durch eine Erzählung ergänzt von
einer 5-Tage-Wanderung mit der Hitlerjugend (er sagte Jugendgruppe) nach Nürnberg, wo „zufällig ein Reichsparteitag der NSDAP stattfand“ und er schloss die Erdkundestunde mit seinen Erlebnissen
im Kaukasus während des Krieges.
Ein anderer Lehrer spielte mit uns die Schlacht um Sewastopol 1942 auf der Krim nach. Das Pult im Physikraum stellte die Festung dar, die es zu erstürmen galt. Dreiergruppen von Schülern waren dann die Kriegsschiffe, die an das Pult herangeführt wurden und zwei oder drei Schüler, die er nicht leiden konnte, mussten sich als Russen dahinter verschanzen. Ich schrieb derweil die Hausaufgabe für den Englischunterricht vom Banknachbarn ab.
Solche Situationen kamen mir schlagartig wieder in den Sinn, als ich zum ersten Mal Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ hörte. Ich dachte nur: Ja, genau so war das. Und hier ist das Lied.
Und hier ein Hinweis: Am Sonntag findet bei uns in Hönnersum wieder der beliebte Adventsspaziergang statt. Es lohnt sich, an den Ständen zu halten! Alle Infos findet ihr I hier . . .
Eine Oma oder einen Opa zu haben ist ein großes Glück - und Enkel auch! Die Mutter meines Vaters war eine ganz besondere Frau – eine Mischung aus Kräuterhexe, Küchenmagierin und Heilerin. Ihr kleines Reich bestand aus genau einem Zimmer, das gleichzeitig Küche, Wohnzimmer und Behandlungsraum war. Nur zum Schlafen zog sie sich eine Etage höher zurück, in eine ungeheizte Kammer, die selbst Eisbären beeindruckt hätte.
Wenn die Bauern oder ihre Frauen aus der Umgebung zu ihr kamen, dann selten zum Kaffeetrinken. Eher wegen ausgerenkter Daumen, Hexenschuss oder schiefem Hals. Oma war nämlich eine „Einrenkerin“ – und das im ganz klassischen Sinn: Küchentisch in die Mitte, Patient drauf, einmal knacks, und schon war die Welt wieder gerade gerückt. Auf die Farge, was bin ich ihnen schuldig kam immer die Standardantwort: Was Sie mir geben ist mir recht.“ Gezahlt wurde in der Regel mit Naturalien, also Butter, Eier, Gemüse oder Mettwürste.
Und weil es schade wäre, jemanden nur körperlich zu reparieren, gab’s zum Abschluss noch eine spirituelle Nachbehandlung: Oma legte die Karten. Das Wahrsagen war sozusagen ihr zweites Standbein – und vermutlich das unterhaltsamere.
Auch in der Küche war sie ein Genie. Ein bisschen Gemüse vom Wochenmarkt, ein kleines Stück Speck – und zack, hatte sie ein Essen gezaubert, das heute locker einen Stern bekommen würde. Jedenfalls bei mir. Frisches Brot, dick mit gesalzener Butter vom Bauern beschmiert – davon träume ich immer noch!
Und auch heute noch geht mein Blick nach oben zu den zwei Fenstern in der Brennerstraße 1 wenn ich in Rinteln bin und ich sehe vor meinem geistigen Auge die Puddingschüssel, die dort am offenen Fenster zum Abkühlen stand. Dann flitzte ich schnell hoch zu Oma, um in den Genuss ihrer Welfenspeise oder roten Grütze zu kommen.
Geld hatte meine Oma nie viel und an Geschenke zu Geburtstag oder zu Weihnachten kann ich mich nicht erinnern. Aber was sie mir schenkte, ist nicht mit Geld zu bezahlen: Sie schenkte mir Zeit, ihre Zeit. Am schönsten waren die Abende bei ihr. Bei einer Zitronenbrause, die ich aus der Weinstube holen durfte, die sich unten im Haus befand, spielten wir Karten, lachten viel und später krochen wir gemeinsam in ihrer frostigen Kammer mit den Eisblumen am Fenster unter das herrlich warme Federbett.
Das alles ist weit, weit weg aber immer in meiner Erinnerung. Und hier das Lied dazu, bei dem ich meine Oma vor mir sehe. Es ist eine schöne Chorfassung eines bekannten Liedes des Österreichers Hubert von Goisern.
Jeden Donnerstag war bei uns Wandertag angesagt. Im Erdgeschoss wohnten drei ältere, unverheiratete Schwestern, die Beilfuß-Damen: Sabine, Lotte und meine besondere Favoritin, Tante Käthe. Käthe war Lehrerin, Sabine Sekretärin und Lotte führte den Haushalt. Sie wohnten in zwei Zimmern und einer winzigen Küche. Das Schlafzimmer war ausgefüllt durch ein Ehebett, in dem alle drei schliefen. Gemeinsam marschierten sie immer im Gänsemarsch mit mir durch Wald und Wiesen, als wäre ich ihr persönliches Wanderprojekt. Das Ziel war immer ein Ausflugslokal, denn ohne Sinalco war ein Wandertag schlicht unvollständig. Eine Wanderung ohne Einkehr ist für mich bis heute so sinnlos wie ein Fahrrad ohne Pedale. Und Ziele gab es genug in der Umgebung von Rinteln. Die Klöster Möllenbeck und Fischbeck. Die Externsteine, das Hemannsdenkmal. Die Städte Minden, Bückeburg, Hameln und natürlich das Weserbergland. Ich lernte so nicht nur meine Umgebung kennen sondern bekam auch Antworten auf alle Fragen, die ein Kind in meinem damaligen Alter so stellt.
Auf dem Foto sieht man meine Familie auf einer Wanderung 2024 zur Schaumburg – damals wie heute ein beliebtes Ziel und Stammsitz der Grafschaft seit dem 13. Jahrhundert. Von dort hat man einen herrlichen Blick über das gesamte Wesertal.
Später zogen die drei Damen in ein Altersheim – damals sagte man noch ganz unromantisch „Altersheim“, nicht Seniorenresidenz – nach Bad Pyrmont. Ich besuchte sie als Sextaner, und die Anreise war ein kleines Abenteuer: erst mit der Extertalbahn bis Barntrup, dann weiter mit dem Postbus. Gewandert wurde dort allerdings nicht mehr. Stattdessen verbrachten wir die Stunden mit Vokabelabfragen. Ich fand das eine ziemliche Verschlechterung der Wanderkultur!
Und natürlich darf bei all dem das Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ nicht fehlen. Jahrzehntelang glaubte ich brav, das sei das Lebensmotto wanderfreudiger Müllerburschen. Erst lange nach der Wende erfuhr ich, dass das Ganze vom Dichter Wilhelm Müller aus Sachsen-Anhalt stammt – und später von Franz Schubert vertont wurde. Hier also die altbekannte „Müller-Weise“ – allerdings garantiert nicht von Heino! Hier geht es zum Liedvortrag!
In der Volksschule sprangen uns die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten ins Auge wie ein Tintenfleck auf einem frisch gewaschenen Hemd. Da waren wir „Normalos“ mit unseren kurzen, speckigen Lederhosen, die so lange getragen wurden, bis sie von selbst in die Klasse liefen. Hemden wurden selten gewechselt – Mutter heizte den Waschkessel nur einmal in der Woche an.
Und dann gab es diese wenigen Auserwählten: Mädchen in Kleidchen, Jungen in langen Hosen und feinen Pullovern. Einer wurde sogar täglich im Opel Kapitän vom Vater gebracht. Wir hatten noch nie ein Auto von innen gesehen – aber Neid kannten wir nicht. Im Gegenteil: Das waren die Außenseiter. Zu gepflegt, zu geschniegelt, zu sauber.
Wir waren Straßenkinder. Unsere Welt begann an der Haustür und endete im Dunkeln, wenn der Ruf der Mutter durchs Viertel hallte. Wir spielten Fußball, Cowboys und Indianer, und wenn Mädchen dabei waren, sogar Hüpfekästchen oder Murmeln – natürlich nur, um Eindruck zu schinden. Zart ging es nicht zu, denn wir gehörten zu Straßengangs, und das war nicht immer lustig. Heikel wurde es besonders für mich: Ich wohnte in der Mühlenstraße, gehörte aber zur Brennerstraßen-Bande – territorial ungefähr so entspannt wie das Leben zwischen zwei verfeindeten Indianerstämmen.
Meine Zuflucht waren ein Versteck in Büschen an der Weser, wo ich die spannenden Bücher von Tante Gisela aus Zwickau verschlang, und der Sandkasten im schäbigen Hinterhof, in dem ich der kleinen Karin beim Kuchenbacken half. Jedenfalls trafen auf uns die Zeilen von Steppenwolf zu: „Like a true nature's child we were born, born to be wild.“
Hier performed von "Rockin' 1000", dem größten Rockprojekt der Welt. Hört mal rein!
Wir wohnten damals übrigens in dem grauen Haus ganz hinten im Bild. Direkt unter dem Dach auf 48 Quadratmeten in zwei Zimmern und Küche mit erst drei, dann 4 Personen. Bad und Toilette war eine Etage tiefer und wurde mit einer anderen Partei geteilt.
Nach drei Kindergartenjahren, in denen es – sagen wir höflich – eher handfest zuging, kam ich 1955 in die Schule. Damals machte man um die Einschulung kein großes Brimborium: keine Feier, kein Festessen, kein Tamtam. Man ging einfach hin, setzte sich – und damit hatte sich die Sache. Immerhin gab es eine Zuckertüte. Allerdings erst zu Hause, denn die Lehrerin wollte den Kindern, deren Eltern sich keine leisten konnten, den Anblick ersparen.
In den ersten vier Schuljahren lernte ich tatsächlich eine ganze Menge: Lesen, Schreiben, Rechnen (meine Bankberaterin wird mir hoffentlich zustimmen) und vor allem, dass man bloß nicht zu früh mit seinen Aufgaben fertig sein durfte. Dann drohte nämlich eine Zusatzaufgabe – außer bei Lehrer Schwengberg. Für ihn durfte man stattdessen fix zum Marktplatz laufen und die Bildzeitung sowie eine Zigarre „Handelsgold zu 20“ besorgen. Bildung der besonderen Art. Mein erstes selbst gelesenes Buch habe ich übrigens immer noch im Bücherregal: Mecki im Schlaraffenland. Ach ja, und eine wichtige Erkenntnis kam früh: Eine Unterrichtsstunde konnte noch so spannend sein – Unterrichtsausfall war immer schöner.
Einmal hörte ich meinen Lehrer Fleischmann zu meiner Mutter sagen: „Lassen Sie den Jungen Lehrer werden. Der Rock des Beamten ist eng, aber warm.“ Ich verstand zwar nicht, warum Beamte Röcke tragen sollen und ob sein rotbrauner, viel zu enger Anzug wirklich als „warm“ durchging – aber gut. Ich dachte mir: Wenn schon, dann lieber Pfarrer. Die hatten zumindest weite, elegante Umhänge.
1956 merkten wir zum ersten Mal, dass es jenseits von Rinteln auch eine Welt voller Sorgen gab: Wir packten Tüten für die Menschen des Ungarn-Aufstandes. Bei meinen Enkeln ist die Welt inzwischen noch näher gerückt: Neben ihnen saßen die ersten Kinder aus Syrien, traumatisiert vom Bürgerkrieg und doch froh, endlich in Sicherheit zu sein.
Wer Lust hat, kann gerne mal in den Song „What did you learn in school today?“ reinhören.
Geboren und aufgewachsen bin ich in Rinteln an der Weser. Noch heute, wenn ich durch die vertrauten Straßen und verwinkelten Gassen schlendere, deren Namen mir alle noch wie alte Bekannte entgegen klingen, tauchen sofort Bilder meiner Kindheit auf. Dann sehe ich die Fachwerkhäuser vor mir, die längst verschwunden sind, und erinnere mich an die Menschen, die dort gelebt haben.
Allen voran Tante Dora – ein Original, das man so nur einmal im Leben trifft. Sie hatte über 40 Katzen in ihrem windschiefen Haus versammelt. Seitdem muss ich immer an sie denken, wenn irgendwo dieser unverwechselbare Katzenduft in der Luft liegt. Ein aromatisches Andenken, sozusagen.
Und dann war da Tante Sauer – natürlich war sie nicht wirklich meine Tante, aber damals sagte man zu allen Frauen „Tante“, die einem halbwegs vertraut vorkamen. Ihr Haus war muffig-dunkel wie eine Mischung aus Abstellkammer und Abenteuerhöhle. Wir Kinder gingen da nicht unbedingt gerne hinein … doch ihre Himbeerbonbons hatten eine magnetische Wirkung.
Der Bäcker bot zwei Brötchensorten an: Die normalen zu 5 Pfennig und die Mohnbrötchen zu 6 Pfennig. Und bei Erna Wilkening wurde die Milch lose in die Milchkanne gepumpt. Der Liter kostete 50 Pfennig. Von allen damaligen Geschäften gibt es heute nur noch das Fischgeschäft und die Kneipendichte sank von damals 20 auf heute gerade einmal zwei.
Wenn ich heute an all das denke, schwingt immer eine leichte Wehmut mit. Diese Erinnerungen haben ihre ganz eigene Melodie – und auch wenn sie schwer in Worte zu fassen ist, Bruce Springsteen trifft sie in „My Hometown“ erstaunlich gut. Vielleicht einfach mal reinhören – die Musik macht den Rest.
Zum Song bitte hier anklicken!
Mein Adventskalender 2023 auf unserer Homepage kam richtig gut an – offenbar hat die Mischung aus kleinen Geschichten und passenden Songs vielen gefallen. 2024 musste ich wegen meiner Hüft-OP im Dezember passen.
Aber dieses Jahr bin ich wieder dabei! Ich möchte einige Stationen meines Lebens erzählen – kleine Erinnerungen, große Momente – und dazu jeweils einen Song auswählen, der mir spontan dazu in den Sinn kommt.
Zum Einstimmen heute schon einmal: „Forever Young“, gesungen von Joan Baez. Keine Sorge, ich jage nicht der ewigen Jugend hinterher. Aber wichtig scheint mir, dass man sich die Ideale bewahrt, die man mit 16, 17 oder 18 hatte – oder besser noch: sie weiterreicht an Kinder und Enkel. So bleibt man ja auf eine gewisse Weise doch „forever young“.
Ab Montag geht’s dann offiziell los mit dem Adventskalender.
Viel Vergnügen beim Mitlesen!
Burkhard Kallmeyer
Und hier geht’s zum Song „Forever Young“.
Ein Hinweis zu diesem und allen weiteren Fotos: Die Fotos sind alle von mir gemacht worden oder stammen aus meinem Foto-Archiv und wurden eingescannt. Bildmontagen sind zum Teil selbst erstellt oder mit Hilfe von KI-Generierung wie Google Gemini, Chat-GPT oder MS-Copilot ergänzt oder entstanden. Im oberen Bild habe ich zum Beispiel den Adventskranz und den Schneehasen hinzugefügt. Das Foto selbst ist im Harz aufgenommen.
