Ansprache zum Volkstrauertag 2018


Dieses Bild stammt von August Macke: Landschaft am Meer. Er malte es 1914. Danach wurde er eingezogen und fiel schon wenige Wochen später am 26. September in der Champagne mit 27 Jahren. Er war einer der bekanntesten Maler des Expressionismus.


Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Es war ein Krieg, dessen Auswirkungen über Europas Grenzen hinausreichten - und bis heute spürbar sind. Als die Männer im August 1914 in den Krieg zogen wurde ihnen gesagt: "Weihnachten seid ihr wieder zuhause." Das war eine gewaltige Fehleinschätzung.

      

Der Erste Weltkrieg war der erste industriell geführte Massenkrieg und der erste "totale" Krieg der Menschheitsgeschichte. Niemals zuvor kämpften Armeen in solch gigantischen Größenordnungen gegeneinander, und nie zuvor war die Zivilbevölkerung so unmittelbar ins Kriegsgeschehen einbezogen. Am Ende befanden sich drei Viertel der Weltbevölkerung im Kriegszustand, mehr als 17 Millionen Menschen starben. Deutschland verlor ein Zehntel seiner Bevölkerung.

 

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Es war ein Krieg, dessen Auswirkungen über Europas Grenzen hinausreichten - und bis heute spürbar sind.

 

In Frankreich und in Großbritannien ist der 11. November ein Feiertag. Er erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs. "Remembrance Day" heißt dieser Tag - im Gedenken an den Waffenstillstand am 11. November 1918.

 

Die Briten nennen ihn auch "Poppy Day". "Poppy" heißt auf Deutsch Mohnblume. Seit dem Ersten Weltkrieg steht der Klatschmohn als Symbol für das Erinnern an die gefallenen Soldaten. In den Schützengräben, auf den aufgeschütteten Soldatengräbern blühte damals der Mohn, rot wie das Blut der Soldaten.

 

In Deutschland ist der 11. November kein Feiertag. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg ist das Trauma der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen. Bis heute - denn der Krieg hat in den Ländern Europas ganz unterschiedliche Erinnerungen hinterlassen. Und die politischen und territorialen Folgen beschäftigen uns immer noch.

 

Zu nennen ist der Zusammenbruch der Habsburger Monarchie: Den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie haben wir noch in den 1990er-Jahren in den Balkankriegen in seinen Nachwirkungen gespürt.

 

Der Balkan war vor dem Ersten Weltkrieg das Pulverfass Europas gewesen. Nach 1918 war das neue Königreich Jugoslawien gegründet worden, in dem verschiedene Territorien und Völker zusammengefasst wurden. Serbien war die dominierende Macht, die vor 1914 in einem scharfen Konflikt mit der Habsburger Monarchie gestanden hatte. Zu der Monarchie hatten aber auch Kroatien, Slowenien und Bosnien gehört. Hier sind Territorien zusammengekommen, die ethnisch unterschiedlich sind und sich schon vorher bekriegt hatten.

Ein weiteres Beispiel für die bis heute spürbaren globalen Folgen des Krieges ergab sich aus dem Ende des Osmanischen Reiches. Denn dessen Zusammenbruch hatte wiederum die Neuordnung der Staatsgrenzen im Nahen Osten zur Folge.

    

Im Ersten Weltkrieg hatten das Deutsche Reich und das Osmanische Reich zusammen gekämpft. Nach Kriegsende war das Osmanische Reich zusammengebrochen und territorial zerfallen. Was wir heute als Irak, als Syrien oder als den Libanon kennen, das ist im Zusammenhang des Ersten Weltkriegs entstanden. Insofern geht heute der Zusammenbruch der Staatenordnung und die Kriege im Nahen Osten auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg zurück.

 

Die heutigen Staatsgrenzen im Nahen Osten haben vor allem Frankreich und Großbritannien als die großen Kolonialmächte gezogen. So haben beide Länder künstliche Staaten geschaffen, denen keine irgendwie gewachsenen Nationalitäten zugrunde lagen - mit Folgen bis heute. Niemand interessierte, dass zum Beispiel den Kurden kein Staat zugesprochen wurde. Sunniten und Schiiten wurden in mehrere Staatgebiete eingehegt und bekämpfen sich bis heute. Die Aufteilung orientierte sich allein an den wirtschaftlichen Interessen der Siegermächte, die alle einen Anteil an den Ölvorkommen haben wollten.

 

Der Erste Weltkrieg war nicht zuletzt auch deshalb global spürbar, weil Großbritannien und Frankreich Soldaten aus ihren Kolonien auf den Schlachtfeldern Europas eingesetzt hatten. So kamen etwa Soldaten aus Schwarzafrika nach dem Krieg wieder zurück in ihre afrikanische Heimat - und zugleich fragten sich die Menschen in diesen afrikanischen Kolonien: Wie kann es sein, dass unsere jungen Männer in Europa ihr Leben lassen mussten, weil Briten, Franzosen und Deutsche sich auf dem europäischen Kontinent massakrieren?" Diese Erfahrungen haben die afrikanischen Länder von innen tief erschüttert.

 

Nach Kriegsende mussten die Landkarten in Europa neu gezeichnete werden. Auch die Kolonialreiche brachen schließlich binnen kurzer Zeit zusammen.  So endeten vor 100 Jahren zwar die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges. Die Hoffnung auf dauerhaften Frieden allerdings erfüllte sich nicht - weder in Europa, noch darüber hinaus. 

 

Heute können wir noch die Namen der Gefallenen lesen, es sind viele auch heute noch hier lebende Familiennamen darunter. Noch mehr Namen finden sich in den Listen der Gefallenen des 2. Weltkriegs. Es sind die Namen ihrer Großeltern oder schon Ur-Großeltern.

 

Mein Großvater hatte den ganzen 1. Weltkrieg mitgemacht. Er erzählte viel davon. Unter anderem berichtete er davon, dass sie bei einem der schrecklichen und letztlich vergeblichen Angriffe auf die Festung Verdun am französischen Stacheldraht ein Schild hängen sah, wie ich es hier ausgedruckt habe: Eisen und Stahlwerke Magdeburg. "Da haben sie ihre Überschussproduktion über die Schweiz den Franzosen verkauft, was sie für überhöhte Preise bei der obersten Heeresleitung nicht loswurden. Da haben wir gewusst, für wen wir kämpften!"

 

Hören Sie jetzt die erste Strophe eines Liedes, das von den Soldaten des 1. Weltkrieges handelt, bevor wir den Kranz am Ehrenmal niederlegen wollen und ein Totengedenken sprechen. Es singt Hannes Wader.

 


Teile der Rede basieren auf einem Text, den Tagesschau.de auf  ihrer Internetseite veröffentlicht hat.: Ute Spangenberger, SWR, 10.11.2018